Ich kenne Hamburg nicht wieder! Einst eine Stätte der Rührigkeit, aber doch Bedächtigkeit, eilt es jetzt von Geburtstagsfeier zu Geburtstagsfeier, und ich muß mitmachen, weil ich Bücher über Hamburgs Geschichte geschrieben habe. Und da ich im Herzen immer noch getreuer Sohn meiner Vaterstadt bin, halte ich als Festredner her. Eben haben wir das — sehr würdig verlaufene — 125. Jubiläum des Vereins für Hamburgische Geschichte im "Patriotischen Gebäude" hinter uns gebracht (Ein Auswärtiger fragte mich, ob es seinen Namen davon habe, daß es patriotischer sei als die Nachbarhäuser. Ich hatte keine Zeit, das dem an sich schätzenswerten Anfänger zu erklären ) Gestern feierten wir Familientag zu Ehren meines Vetters, der 70 Jahre alt wurde (Bei meiner Ansprache hätte ich mich beinahe versprochen und auch ihn als Hundertfünfundzwanzigjährigen geehrt). Auch führte ich Verhandlungen, wie ich im nächsten Jahre bei dem SOOsten Geburtstag der Handelskammer mitzuwirken habe (Die Zwischenzeit ist so lang, daß ich nicht in Gefahr geraten werde, aus dem Unterbewußtsein eine der anderen Zahlen an die Oberfläche zu befördern und dadurch die Handelskammer um die Pointe dieses Festes zu bringen: ich bin die älteste, die urälteste!) Nun werde ich überfallen mit der Nachricht, daß auch der Hafen Geburtstag feiern wolle und ich als civis Hamburgensis filius irgend etwas dazu sagen müsse. Auf meine Gegenfrage: "Wer bitte? Ich verstand er seis. Ich wandte ein, bis weit in die Neuzeit hätten die Überseeschiffe im Eibstrom geankert und dieser sei bereits kurz nach der Sintflut zustande gekommen. Ich fragte, ob etwa die Vorgeschichtler dieses Datum auf eine Million Jahre festgelegt hätten, so daß sich eine passende Jubiläumszahl ergebe. Aber April — Mai? Kann man das denn schon so genau feststellen? Ich wurde angesehen wie ein Neuling, und es wurde mir bedeutet, daß es sich um den 775sten Geburtstag jener Urkunde handele, mit der Kaiser Friedrich Barbarossa seligen Angedenkens dem Hamburger Handel einen guten Start ermöglicht habe. Ja, unser Rotbart lobesam — wenn wir den nicht gehabt hätten! Er sei geehrt und mit ihm der diluviale Eibstrom, von dem erst recht zu sagen ist: Wenn wir den nicht gehabt hätten! Ein Seitenblick auf Winsen an der Luhe macht das selbst dem binnenländischen Laien klar und läßt ihn erschauern! Und last not least: der Hafen.

Als ich gestern, von der Geburtstagsfeier bei "Jacob" zurückkehrend, an seinem Ufer entlangfuhr, murmelte ich vor mich hin: ja, schon siebenhundertfünfundsiebzig Jahre! Die ansehnliche Handelskammer mit ihren dreihundert Jahren stellte sich mir plötzlich dar als erst in die Mannesjahre eintretend, der Verein schrumpfte zu einem Konfirmanden, mein Vetter zum Säugling zusammen. Bei den bereits gefeierten Geburtstagen war es erlaubt, den Bereich des Ernstes stellenweise zu verlassen; bei der Rede auf den Vetter durfte sogar gelacht werden. Bei dem Hafen als Jubelgreis mit einem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches im Hintergrund und den Blick hinweg über das altbewährte Urstromtal wäre solches Ausrutschen aus gesetzter Feierlichkeit völlig deplaciert: Ein ergriffenes Schweigen ist die enz>g angemessene Haltung. Eine Festrcde, ein Gedenkaufsatz? Ich will bei diesem erbebenden Anlaß nicht hinter weiland Moltke (Nummer eins, der 187071 versteht sich) zurückstehen und mich verhalten wie e<n Trappist.

Kein Angebot — und wären es alle Erdbeeren aus den Vierlanden, Jahrgang 1964 (Spätlese einschließlich) werden mich dazu verfuhren, ?us dem Eibanlaß den Mund zu öffnen, die Feder zu ergreifen! Percy Ernst Schramm eremitierter Professor und aktiver Festredner