Von German Kratochwil

Bundespräsident Heinrich Lübke, der zur-Zeit Südamerika bereist, wird bei seinem Aufenthalt in Brasilien vom 9. bis 11. Mai auch São Paulo besuchen.

Wo ist die Stadt? fragt mich besorgt ein deutscher Ingenieur, als wir den Flughafen Viracopos verlassen, im Anblick der Einöde, die uns empfängt. Provisorische und endgültige Gebäude bilden hinter uns ein architektonisch undefinierbares Etwas, vor uns verlieren sich grüne Hügel in der Ferne. Die Luft ist ländlich würzig.

„Würden Sie den Frankfurter Flughafen in Mannheim vermuten?“ Hier ist die Zukunft schon Gegenwart: Der Flugplatz liegt zwei Autostunden von der Stadt entfernt. „Etwa die gleiche Zeit, um mit unserer Maschine bis Buenos Aires zu kommen“, schätzt der Ingenieur.

Diese Entfernung ist nötig, um vor der explosivsten Stadt Amerikas längere Zeit sicher zu sein. Eine Hubschrauberverbindung mit dem alten Flughafen in Stadtnähe ist vorgesehen. Nach etwa fünfzig Kilometern beginnt bereits das Chaos der Vorstädte. Man weiß nicht, als was man sie ansehen soll: als die Vorhut einer Stadtflucht oder als das Zeltlager von Invasoren, die die Stadt umzingeln; wie Zeltlager wirken sie jedenfalls, in großer Eile aufgebaut, abbruchbereit, umgeben von roter, nackter Erde, zerteilt von unregelmäßigen, provisorischen Straßen; und die Menschen, Neger, Mulatten, Japaner, Italiener, Portugiesen sind alle auf den Straßen, alle in Bewegung, laufen, schwingen sich auf Fahrräder, chauffieren alte Automobile hupend durch die Gassen, treten gebückt aus Hütten, tragen Pakete, Bündel, Körbe, Pappkoffer; Hühner und Hunde beteiligen sich an dem Treiben. Niemand weiß, wie lange er arm sein wird, niemand glaubt, es lange zu sein. „Sich niederlassen“, „mein Heim“, „dauernder Wohnsitz“ – hier werden diese Formeln fragwürdig. Noch ehe ein Orangenbaum in einem Garten, der nie angelegt wird, die ersten Früchte trägt, kann er schon unter der Portierloge eines neuen Hochhauses verschwunden sein.

In den bräunlichen Dunst, der über der Stadt liegt, ragen hell die hohen Wolkenkratzer der City; sie sind noch fern und stehen so dicht beisammen, daß sie wie ein einziger Gipfel in einer weiten Hochebene aussehen. Um sie herum wuchert die Stadt. Die Installation von sanitären Einrichtungen, Licht, Gas, Telephon kann längst nicht mehr Schritt halten. Man versucht zu lenken, zu planen, vorauszusehen; dann läßt man dem Wachstum wieder freien Lauf, in der Hoffnung auf die Vernunft und den Unternehmergeist der Betroffenen.

Die als Satellitenstädte bezeichneten Industrieorte Santo André, São Bernardo, São Caetano und Diadema (der paulista liebt Zahlen und Abkürzungen und nennt sie den ABCD-Gürtel) sind bereits zu einem lückenlosen Stadtbild zusammengewachsen. Um 1900 zählte man stolz 80 000 Einwohner, heute leben hier sogar schon mehr als vier Millionen. Der Staat, dessen Hauptstadt São Paulo ist, produziert 44 Prozent aller industriellen und 32 Prozent aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse Brasiliens.