Greenwich ist in deutschen Ohren ein Name, der (mit und ohne Zorn) zurück in die Schule weist: Inbegriff der Geographiestunde. Für viele Londoner ist das auch nur ein Name; er steht für einen Teil ihrer Stadt, den sie nie besucht haben. Wer da freilich nach mittelalterlichem Glamour sucht, nach engen Straßen und Fachwerkhäusern, den muß ich warnen: Er würde enttäuscht sein. Trotzdem lohnt es sich, Greenwich zu sehen. Man kann mit dem Zug oder mit dem Boot von Clearing Cross (Central London) aus hinfahren. Die Bootsfahrt dauert zwar doppelt so lange wie die Bahnfahrt – nämlich eine Dreiviertelstunde –, doch an einem schönen Tage lohnt sich die Fahrt den Fluß hinunter, vorbei an geschäftigen Werften, verwahrlosten Lagerhäusern, und wenn man Glück hat, kann man einem schnittigen Segelboot auf der Themse begegnen. Bei der Landung sieht man sofort die massive Fassade des „Royal Naval College“. Charles II. hatte es als Palast zwar zu bauen beginnen, aber nicht beenden lassen; ihm ist das Geld ausgegangen. Hinter dem Bau, auf der Spitze des steilen grünen Hügels, liegt das Observatorium. Es ist vor drei Jahren restauriert und von viktorianischen Verzierungen befreit worden und allein schon der Besichtigung wert. Sogar die Philister unter den Besuchern werden sich des Blickes hinunter auf den großen Bogen, den der Fluß hier macht, erfreuen. In der Ferne erkennt man die bewaldeten Hügel, die den äußeren Rand Londons markieren. Für den Touristen, der architektonische Interessen hat, gibt es übrigens viele feine georgianische Häuser unten in der Stadt zu entdecken. Und auf diejenigen, die das Grandiose lieben, wartet die berühmte bemalte Halle des „Royal Naval College“. Zum Bild: Blick durch den Säulengang des „Queen’s House“ auf den Park und das Observatorium, das im Jahre 1675 von dem berühmten Architekten Wren für Charles II. gebaut worden ist.

Liam Lewis