Von Rino Sanders

Die schweizerische Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt immer wieder Werke von beneidenswert unangefochtener Stileinheit und ausgewogenem Maß. Das Auge, die für Maßverhältnisse entscheidende Instanz, braucht einen Mindestabstand. Der Sensible wird angerührt, aber nicht verstört oder gar zerstört. Man kann die Augen offen halten, ohne daß der Qualm der Ereignisse Tränen triebe. In solchen Zonen, nahe genug, entfernt genug, gedeiht Satire.

Satire hohen Grades ist ein Buch, dem der Charles-Veillon-Preis 1964 für den deutschsprachigen Roman verliehen wurde –

Hugo Loetscher: „Abwässer“ – Ein Gutachten; Verlag der Arche, Zürich; 224 S., 14,80 DM.

Der Autor unterläßt es mit Fleiß, das anrüchige Titelwort mit dem beliebten Zusatz „Roman“ zu parfümieren. Im Gegenteil: „Ein Gutachten“ steht trocken da, und allerdings, so kann man’s nennen. Es ist Loetscher, der, Jahrgang 1929, 1960 mit dem Drama „Schichtwechsel“ im Zürcher Schauspielhaus debütierte, ein fündiger Parabelstoff eingefallen. Bei Kafka wurde gelernt, nicht die vieldeutige Enigmatik, aber die Technik. Doch Loetscher ist kein Epigon.

Das Gutachten wird vom Inspektor des Abwässeramtes einer anonymen Hauptstadt geliefert. Es hat ein politischer Umsturz stattgefunden, während der Mann auf einem Kontrollgang durch die Kanalisation war. Beim Ausstieg wurde er gegriffen und verhaftet, alsbald entlassen, seines Amtes enthoben und – so heißt es – zur Beförderung vorgeschlagen. Das Gutachten erwartet die neue Regierung, und der Inspektor macht es zu einem ausholenden Rechenschaftsbericht, in dem er sich etwa auch gegen den vielleicht im Ernst gar nicht erhobenen Vorwurf verteidigt, Flüchtenden aus dem Regierungsviertel den Weg durch die Kanäle gewiesen zu haben. Sonst verschwiegen, arbeitet er in den Bericht die eigene Vita mit ein und gibt auch außerhalb der Kanalisation gewonnene Erfahrungen und Einsichten preis, um nachzuweisen, daß kein Besserer als er den Abwasserdienst versehen könne. Er möchte diesen Posten behalten. Warum?

Der Inspektor ist seßhaft, beharrend, der Natur seines Berufs nach konservativ. Zwar will er die modernsten Abwasseranlagen, sofern sie sich bewährt haben; aber sein Sinn steht nach Stabilität und Ordnung, nicht nach Neuem. Eiweiß, daß auch „die lichteste Zukunft und das gerechteste Morgen“ Abwässer hervorbringen werden, und er möchte dazu beitragen, „daß bewohntes Land bewohnbar bleibt“.