Wie Deutschland einmal zu einem Ganzen gefügt werden kann, hängt auch davon ab, ob es in seinen Teilen eine Gesellschaftsstruktur aufweist, die mehr verbindet als trennt. Ob wir es mit einer Wiedervereinigung oder mit einer Neuvereinigung zu tun haben werden, bestimmen dabei nicht zuletzt die Zielsetzung und die Struktur des Bildungswesens.

Wozu und auf welche Weise die junge Generation ausgebildet wird, ist heute für die Entwicklung jeder Industriegesellschaft ausschlaggebend.

In der DDR sucht man den hier gestellten Aufgaben in der Form eines Einheitsstaates beizukommen, in der Bundesrepublik hat uns das Grundgesetz den Rahmen des Bundesstaates gesetzt. In der DDR müht sich die politische Führung ab, die erste industrielle Revolution verspätet zu meistern. Die Bundesrepublik steht am Beginn der zweiten industriellen Revolution, die gekennzeichnet ist durch die Anwendung der Atomkernenergie für wirtschaftliche Zwecke und durch die Automation in ihren vielfältigen Stufen und Formen. Atomenergie und Automation sind natürlich auch in der DDR seit langem keine Fremdwörter mehr, aber dort muß man sich noch mit dem time lag herumschlagen, das sich aus dem Versuch ergeben hat, ideologische Formeln gegen die Gegebenheiten der Industriegesellschaft zu behaupten.

Das war ein Experiment am untauglichen Objekt. Die Führung der SED beginnt nun zögernd, Ideologie und wirtschaftliche Effektivität miteinander in Einklang zu bringen. Die nachdrückliche Förderung des Bildungswesens ist ein Kernstück dieses Bemühens.

Eine Kommission von sechzig Wissenschaftlern hat soeben einen „Vorschlag für die Gestaltung eines einheitlichen sozialistischen Bildungssystems“ zur Diskussion gestellt. Der VI. Parteitag der SED hatte die Wissenschaftler mit dieser Arbeit beauftragt.

Gleichzeitig verabschiedete die Volkskammer ein neues Jugendgesetz, das den weiteren Rahmen für die bildungspolitischen Maßnahmen absteckt. Was sollen die jungen Leute in Mitteldeutschland vor allem lernen?

Dem Vorschlag der Wissenschaftler entnehmen wir, daß die Jungbürger der DDR insbesondere Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Ökonomie verstehen lernen sollen. Solches zu begreifen, bleibt nicht der Initiative des einzelnen überlassen; in Gemeinschaft wird in Mitteldeutschland gelernt und gearbeitet. Die Wissenschaftler rügen jedoch einen Mangel an Ordnung unter den jungen Leuten und fordern eine Erziehung zu besserer Arbeitsdisziplin. Man dürfe nicht erwarten, so steht es in der Empfehlung, „daß die produktive Tätigkeit im Selbstlauf zur Liebe zur Arbeit erzieht“.