Nie zuvor war ein Besucher in Kairo mit solch überschäumendem Enthusiasmus begrüßt worden, wie in diesen Tagen Nikita Chruschtschow. Zehntausende feierten ihn auf den Straßen und in dem großen Stadion. Fahnen überall, Transparente, rote Nelken, dazu Salutschüsse, Orden. Und zu all dem noch die offiziellen Lobpreisungen. Nasser über seinen Gast: „Er ist es, der dem Volk, das unter dem Joch des Imperialismus lebte, ermöglicht hat, einen Sprung nach vorn, in das Atomzeitalter zu tun.“

Chruschtschow über seinen Gastgeber: „Wir begrüßen die Einheitsbewegung der ’arabischen Völker, die sich auf die antikolonialistischen und antiimperialistischen Prinzipien gründet und in der unser Freund Präsident Nasser und der Präsident der demokratischen Volksrepublik Algerien, Ben Bella, eine große Rolle spielen.“

Wie bestellt wirkten denn auch Chruschtschows Attacken gegen die Engländer, die Aden „besetzt“ halten und jemenitische Dörfer bombardieren, seine Angriffe auf die Portugiesen, die Angola und Mozambique die Unabhängigkeit verweigern. Verständlich war es obendrein, daß der Moskauer Gast die sowjetische Hilfe für Ägypten in den höchsten Tönen pries. So zeigte sich schon zu Beginn der zweiwöchigen Nil-Tour des Sowjetpremiers: Chruschtschows erster Auftritt auf afrikanischem Boden, seine erste Visite in Kairo ist ein großer Erfolg. Und Tschu Enlai, der dort vor fünf Monaten als Weltreisender auftrat, hat das Nachsehen.

Nicht so offenkundig ist es indessen, was sich gegenwärtig hinter der Kairoer Kulisse abspielt. Ob es Chruschtschow gelingt, in der Kontroverse mit Peking Nasser zu seinem offenen Bundesgenossen Zu machen? Ob der ägyptische Staatschef seinem Besucher weitere Rubel entlocken und ihn für seinen Kampf gegen Israel zu gewinnen vermag? Dieses Tauschgeschäft ist noch nicht abgeschlossen.

Beide haben freilich, um auch diesen Handel zuwege zu bringen, einige Eisen im Feuer: Nasser weiß nur zu gut, wie sehr Chruschtschow daran gelegen ist, daß von einer neuen Konferenz der Blockfreien Peking ausgeschlossen wird. Der ägyptische Präsident wiederum ist, will er seine Vormachtstellung im arabisch-afrikanischen Raum behaupten, auf die Wirtschaftshilfe der Sowjets angewiesen.

So spielen beide, Nasser wie Chruschtschow, ein Spiel mit doppelten Karten, und ein jeder ist darauf bedacht, am Ende nicht den kürzeren zu ziehen. Der Jubel und Trubel an den Wegen der Fahrt des Gastes aus Moskau kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Propagandaschau für den einen wie für den anderen nicht der eigentliche Zweck dieser spektakulären Reise ist. Das Geschäft ist es, worauf es ihnen ankommt. D. St.