Berlin, im Mai

Willy Brandt hat Berlin stets als Hauptquelle seiner politischen Kraft genutzt. In der letzten Zeit jedoch entstand der Eindruck, als ob diese Quelle nicht mehr so reichlich fließe. Die Probleme der geteilten Stadt, über die es Jahre hindurch kaum Meinungsverschiedenheiten gab, sind heute umstritten. Schon bei Brandts Versuch, mit Chruschtschow zu sprechen, wurden die ersten ernsten Meinungsverschiedenheiten deutlich. Das Passierscheinabkommen riß die Kluft noch weiter auf. Nicht nur die CDU zeigte aktive Resistenz; auch die Zeitungen Westberlins erblickten in dem Unternehmen einen ersten gewaltsamen Angriff auf altgewohnte politische Positionen.

Freilich war es schwer, in den Tagen der Verwandtenbesuche offen dagegen Front zu machen. So wählten die Zeitungen die legitime Methode, täglich darüber zu berichten, wie die Kommunisten das „Berliner Protokoll“ für ihre politischen Zwecke ausnutzten und die Gegenwart von DDR-Postangestellten in Westberlin für ihre Dreistaatentheorie ausbeuteten.

Vergeblich verwies der Senat auf den Text des Protokolls, der solche Verfälschungen ausschloß, und wehrte sich dagegen, daß mit einem Male kommunistische Ausdeutungen zum Maßstab westlicher Einschätzung gemacht werde; die Methode wirkte bis nach Westdeutschland hin. „Panorama“ beispielsweise fragte den Regierenden Bürgermeister, ob er vor der Unterzeichnung denn alles bedacht habe – vor allem auch, daß im „Neuen Deutschland“ stehen könnte, Staatssekretär Wendt habe die DDR-Passierscheinstellen in Westberlin besichtigt und inspiziert. Darauf entgegnete Brandt, nicht das „Neue Deutschland“ habe von inspizieren gesprochen, „in der Wiedergabe in einigen unserer Zeitungen wurde aus besichtigt inspiziert“. Den Besuch Wendts in einen Hoheitsakt umzudeuten, schien ihm eine wenig legitime Methode westlicher Gegner der Passierscheinlösung.

Jedenfalls sah sich Willy Brandt allmählich einer fast geschlossenen Front Westberliner Zeitungen gegenüber. Sie kritisierten einzelne Bedingungen der Verwandtenbesuche und damit den Regierenden Bürgermeister selbst. Unter den Zeitungen, die ihn tadelten, befanden sich auch die Boulevard-Blätter, die wesentlich dazu beigetragen hatten, ihn aufs Schild zu heben. Das traf den sensiblen Brandt so sehr, daß er in einer Pressekonferenz harte, und, wie einige sagen, unbedachte Worte an die Adresse von Journalisten im allgemeinen richtete.

Am schärfsten wurde Brandt in den Publikationen der Springer-Gruppe attackiert: (Welt – Bild – Morgenpost – BZ mit insgesamt 704 000 Exemplaren täglich.) Nicht minder entschieden äußerte sich der unabhängige „Tagesspiegel“ (104 000), der „Kurier (29 000) und der „Abend“ (87 000), die beide, wenn auch verschieden nuanciert, der CDU nahestehen. „Telegraf“ (94 000) und „Nacht-Depesche“ (65 000), der SPD zugeneigt, machten gelegentlich einander widersprechende Passierscheinpolitik. Allein das „Spandauer Volksblatt“ (27 000) verhielt sich unbeirrt „fortschrittlich“ und wurde deswegen von einigen Berliner Avantgardisten, wie Günter Grass und Wolfgang Neuss, zur Förderung erkoren.

Ist unter solchen Umständen Berlin immer noch die Quelle der politischen Kraft für Willy Brandt? Die Berliner haben ein neues, vielleicht besseres Verhältnis zu ihm gefunden als früher. Er ist nicht mehr unbestrittenes Idol. Er hat, seit er Diskussionen ausgesetzt ist, den Glanz des Außergewöhnlichen verloren und ist in die achtbare Kategorie normaler demokratischer Potenzen zurückgekehrt. Aber in dem Maße, wie die Strahlungskraft des unbestrittenen, überall anerkannten politischen Repräsentanten von Berlin abnimmt, muß Brandt von der eigenen politischen Substanz leben.