Der NATO fehlt der Angstteufel Stalin

Vor einem Jahr las ich im Dienstzimmer eines deutschen NATO-Offiziers in Washington den Wandspruch: "Mit dem Nordatlantikpakt verhält es sich wie mit dem Liebesleben der Elefanten. Alles spielt sich auf hoher Ebene ab, es wird viel Staub aufgewirbelt, und auf das Ergebnis muß man jahrelang warten."

Damals hielt ich diese spöttische Sentenz nicht nur für amüsant, sondern auch für zutreffend. Ich glaubte noch daran, daß die ewigen Konferenzen, Kommissionssitzungen und Kommunique-Übungen am Ende doch zu Resultaten führen würden. Inzwischen sind sie freilich zum sterilen Ritual geworden. Die Kongresse der NATO bleiben ohne Folgen, die Ministerzusammenkünfte ohne Ergebnis – siehe die triste Tagung, die eben im Haag stattgefunden hat. Ein Anschein von Einmütigkeit konnte dort nur dadurch aufrechterhalten werden, daß man umstrittene Themen gar nicht erst auf die Tagesordnung setzte. Die Wehrminister waren der Konferenz von vornherein fern geblieben; sie wollen das eigentliche Geschäft des Verteidigungsbündnisses – nämlich die Verteidigung – auf einer Separatkonferenz im Juni oder Juli behandeln. Daß dabei viel herauskommt, ist gleichfalls zu bezweifeln. Der nordatlantische Kummerbund ist am Verkümmern.

Drei Fragen bedürfen heute einer Antwort. Erstens: Woher rührt die Misere des Atlantikpaktes? Zweitens: Soll das Bündnis überhaupt fortdauern? Drittens: Wenn ja, in welcher Form?

Die Auflösungserscheinungen im westlichen Bündnis haben mehrerlei Ursachen. An erster Stelle steht, so paradox das auch klingt, das simple Faktum, daß die Allianz in den fünfzehn Jahren ihres Bestehens Erfolg gehabt hat. Im selben Maße, in dem die russische Bedrohung nachließ, hat sich auch der Zusammenhalt der NATO-Partner gelockert. Es fehlt heute der Kitt der Angst. Bei Lichte betrachtet, ist auch die NATO ein Opfer der Entstalinisierung.

Die zweite Quelle der Uneinigkeit liegt in den harten Tatsachen der neuen thermonuklearen Wirklichkeit. Als das Bündnis 1949 gegründet wurde, fühlte sich Europa unter dem Schutzschirm der US-Militärmacht sicher und behütet. Damals besaßen die Amerikaner als einzige die Atombombe. Und die Europäer fanden noch nichts Anrüchiges daran, auf die Vereinigten Staaten angewiesen zu sein. Beides hat sich mittlerweile geändert.

Einmal hat sich das Mächtegleichgewicht zwischen Sowjetrußland und Amerika verschoben. Aus der einseitigen Abschreckung ist die gegenseitige Abschreckung geworden. Amerika liegt heute in der Reichweite von Chruschtschows Interkontinentalraketen; es ist nicht mehr unverwundbar. Das hat die Geschäftsgrundlage des Vertrages von 1949 verändert und den Wunsch der Europäer nach Mitbestimmung der atomaren Strategie des Bündnisses ausgelöst. Zum anderen hat sich auch Europas phoenixgleicher wirtschaftlichen Wiederaufstieg politisch ausgewirkt – nämlich in dem dumpfen Verlangen nach "Gleichberechtigung" mit den Vereinigten Staaten. Die meisten Europäer würden sich zwar mit einem bestimmten Maß von Ungleichheit abfinden, wie es nun einmal jedem Verhältnis zwischen kleinen Völkern und einer Supermacht eigen ist, aber sie möchten doch, daß diese Supermacht ihre Interessen, ihre Ansichten und auch ihre Empfindlichkeiten respektiert.