P. S., Zeyern

In Zeyern tat jüngst der Fabrikant Christian Stöhr einen grimmigen Schwur: Von dem Tag an, an dem er die Nachzahlung von 90 000 Mark geleistet habe, werde er keine Heimarbeit mehr vergeben. Schwur es und verschickte Briefe, die mit dem Satz beginnen: „Hiermit kündige ich Ihnen die seither ausgeführte Heimarbeit per Ende April dieses Jahres Diesen Brief erheben etwa 450 Männer und Frauen, die in rund 50 Dörfern des Frankenwaldes in der Umgebung von Zeyern wohnen.

Christian Stöhr kündigte seinen Heimarbeitern, weil er zahlen mußte. Und er mußte zahlen, weil er ein paar Jahre lang zu wenig gezahlt hatte. Stöhr hatte eine vergleichsweise leichte und auch saubere Heimarbeit vergeben. Die farbigen Knöpfe an elektrischen Sicherungen mußten aufgefädelt werden. Dafür hatte Stöhr pro Stunde 0,94 DM bezahlt.

So konnte ein Heimarbeiter im Monat durchschnittlich 50 bis 60 Mark verdienen. Wenig genug, wenn man davon leben sollte. Aber das brauchte hier niemand. Denn die Zehn-Mark-Scheine aus Stöhrs Aufträgen waren „zum Zuspitzen“, ein zusätzlicher Verdienst also, der sich Rentner oder Witwen oder Kriegsversehrte holten. Eine willkommene Zuwaag’, wie man in Bayern sagt, um so willkommener, da die Menschen des Frankenwaldes nicht gerade im Reichtum schwimmen. Dort oben gibt es herzlich venig Industrie, die das Geld verdienen leicht macht

Das Heimarbeitgeschäft der Firma Christian Stöhr ging also ohne sonderliche Aufregungen dahin, bis die gesetzlich angeordnete Gewerbeaufsicht kontrollierend eingriff. Die Löhne wurden überprüft und es wurde dabei festgestellt, daß sie unter dem vereinbarten Tarif lagen. Der Heimarbeittarif ist allgemein verbindlich; jeder, der Heimarbeit vergibt, hat sich daran zu halten. Stöhr tat das offensichtlich nicht. Denn statt des vorgeschriebenen Stundenlohns von mindestens 1,32 Mark zahlte er nur 0,94 Mark – so stellte das bayerische Arbeitsministerium fest. Die Entgeltüberwachungsstelle berief sich auf ihre Verpflichtung gemäß Paragraph 24 des Heimarbeitgesetzes aus dem Jahr 1951 und forderte die Firma auf, die zu Unrecht einbehaltenen Beträge an die Arbeiter nachzuzahlen.

Stöhr versuchte zunächst, einen Kompromiß zu erreichen. Er bat, seine Heimarbeit, also das Auffädeln von Knöpfen, der Herstellung von Papierblumen oder wenigstens der von Spielzeug gleichzusetzen. Auch dann hatte Stöhr mehr als bisher bezahlen müssen, aber doch weniger, als die Gewerbeaufsicht verlangt hatte. Der Antrag wurde vom Arbeitsministerium in München abgelehnt.

Jetzt wurde Stöhr massiv. Gut, wenn er schon zahlen müsse, dann auch das letzte Mal. Er habe sowieso nichts an der Heimarbeit verdient, er habe die Arbeiten eigentlich nur noch vergeben, weil er zu seinen Arbeitern ein so gutes Verhältnis gehabt habe. Bei den geforderten Tariflöhnen müsse er draufzahlen, und das könne ihm niemand zumuten.