Von Vitus Dröscher

Die Entwicklung des Lebendigen nimmt in der Erdgeschichte nicht immer einen Vernunftanalogen Verlauf zu lebenstüchtigeren, höherstehenden Formen. Oft genug verrennt sie sich in Sackgassen und führt zu Überspezialisierungen, die den Untergang einer Tierart geradezu herausfordern.

Säbelzahntiger, urweltlicher Riesenhirsch mit vier Meter weiter Geweihauslage, Paradiesvogel, Mandarinente, Pfau, Argusfasan und technisierter Mensch sind nach Ansicht namhafter Zoologen Beispiele hierfür. Jetzt aber überrascht der Vogelforscher Professor E. Thomas Gilliard vom Museum für Naturgeschichte in New York mit der Erkenntnis, daß es Tiere gibt, die einen raffinierten Ausweg aus dieser Sackgasse der Evolution gefunden haben: die Liebeslaubenvögel.

Die Entwicklungstendenz zu diesem einzigartigen Phänomen zeichnet sich bei verschiedenen Vogelarten ab. Sie beginnt damit, daß der männliche Vogel den Nestbau, das Brüten und Aufziehen der Jungen allein dem Weibchen überläßt. Im Verlaufe der Evolution legt sich nun das Männchen einen immer schöneren, auffälligeren Federschmuck zu. Dadurch lockt es aber nicht nur Weibchen zur Paarung an, was der Sinn der Farbenpracht ist, sondern auch Feinde, die die Brut gefährden. Deshalb wird das männliche Tier gleich nach der Hochzeit verstoßen. Es darf nun ruhig gefressen werden. Die Ehe gibt es nicht mehr; sie gilt als rückständig – jedenfalls im Reich der Vögel.

Der Kampfläufer verkörpert nach der Überzeugung von Professor Gilliard die nächste Entwicklungsstufe. Alljährlich im Frühling versammeln sich mehrere Männchen auf einem Hügel im Wiesenland, imponieren martialisch, drohen und bekämpfen sich wütend. Aber sobald jedes bei der Grundstücksaufteilung Besitzrechte auf einen „Hof“ von etwa einem halben Quadratmeter Größe durchgesetzt hat, wartet es friedlich den Besuch eines Weibchens ab.

Sobald der Damenbesuch erscheint, flitzt jedes Männchen zu seinem Hof, entfaltet das farbige Prachtgefieder und erstarrt in seltsam steifer Haltung. Das Weibchen besichtigt gemächlich die Schausteller, sucht sich den schönsten aus und pickt ihn am gespreizten Nackengefieder. Unmittelbar darauf erfolgt die Hochzeit, während die leerausgehenden Männchen die Schau beenden.

Noch grotesker verhält sich das Wermuth-Huhn in der nordamerikanischen Prärie. Hier kommen in einer Arena von 1,5 Kilometer Länge und 200 Meter Breite bis zu 400 farbengeschmückte Bräutigame zusammen. Im Zentrum dieser faszinierenden Versammlung residieren etwa vier Meisterhähne, die von fast allen Weibchen erwählt werden und 74 Prozent aller Begattungen durchführen. Rund 13 Prozent treten sie an ein halbes Dutzend „Vizemeister“ ab.