Seit zehn Jahren führen indische Truppen einen ebenso erbarmungs- wie erfolglosen Krieg gegen die wilden Bergstämme der Nagas, Nachfahren eines Kopfjägervolks, im Dschungel an der birmesischen Grenze. In der vorigen Woche erklärte sich das Kommando der indischen Armee mit einer Feuereinstellung einverstanden, um Friedensverhandlungen mit den Rebellen zu ermöglichen. Die Regierung in Neu-Delhi besteht nicht mehr darauf, daß die Nagas vorher ihre Waffen strecken.

Ebenso wie im Streit um Kaschmir schwenkte Nehru vom harten auf Entspannungskurs. In Kaschmir ließ er seinen Gegner, den „Löwen“ Scheich Abdullah, aus dem Gefängnis; in Nagaland erlaubte er dem Rebellenchef Angami Zapu Phizo die Rückkehr aus dem Londoner Exil. Noch ist es ungewiß, ob Phizo das Angebot angenommen hat, denn er steht in Indien unter Mordanklage. Aber bereits im letzten Sommer spann Nehru die ersten Fäden zu dem „Landesverräter“.

Auch die rebellierenden Stämme lenkten ein. Sie kämpfen zwar immer noch für die Autonomie, wollen aber nicht mehr aus der Union ausscheren. Die 400 000 Nagas, die sich unter britischer Oberherrschaft relativ frei fühlten, wollten sich zunächst dem neuen indischen Staatswesen nicht unterwerfen.

Die Inder mußten schließlich einsehen, daß sie in diesem Partisanenkrieg den Kürzeren zogen. China liegt dem Kampfgebiet zu nahe, und die Sezessionsbewegung könnte eines Tages auf die Provinz Assam übergreifen, die durch den Keil Ostpakistan wie eine Insel vom übrigen Indien abgeschnitten ist. Der Versuch, nach dem Vorbild der „Strategie hamlets“ in Südvietnam auch im Nagaland die Bevölkerung gewaltsam in Wehrdörfern anzusiedeln, mußte bald aufgegeben werden, weil man dadurch die loyalen Nagas ins Rebellenlager trieb.

Man verfiel in Neu-Delhi auf einen anderen Ausweg: 1962 wurde Nagaland zum 16. Gliedstaat der Indischen Union proklamiert. In der Hauptstadt Kohima etablierte sich ein Exekutivrat unter dem Stammeshäuptling Shilu Ao. Sodann versprachen die Inder allen Rebellen Straffreiheit, die sich binnen zwei Monaten stellten. Von den etwa 5000 Partisanen kamen jedoch nicht mehr als 164 aus ihren Schlupfwinkeln hervor.

Im Januar dieses Jahres durfte in Nagaland eine Nationalversammlung gewählt werden. Die Wahl war jedoch alles andere als demokratisch. Zuvor entsandten die Inder eine Gebirgsjägerdivision zur Verstärkung. An den Wahlurnen saßen Offiziere. Gewähl: wurde nur in Gebieten, die von den Indern kontrolliert werden. Nur zwei Parteien (aber keine Rebellenvertreter) waren zugelassen, von denen die pro-indische „Nationalorganisation“ die Mehrzahl der Stimmen einheimste. Zugleich nahm der Krieg an Härte zu. Den Indern wurde vorgeworfen, sie hätten zur Taktik der „verbrannten Erde“ gegriffen. und wehrlose Einwohner gefoltert.

Nunmehr gingen beide Seiten auf eine Friedensvermittlung der Baptisten ein, zu deren Glauben sich viele Nagas bekennen. Eine Mission unter Pfarrer Michael Scott reist seit Wochen mit weißen Jeeps durch das unwegsame Gebiet von Stamm zu Stamm, um ihnen die Bedingungen der Inder zu verkünden. Einige Rebellenführer konnte Scott erst nach langwierigen Klettertouren erreichen. Seine Mission erfordert diplomatisches Geschick. Abgesehen von den Stammesrivalitäten, hat er es mit drei Rebellengruppen zu tun: den Anhängern Phizos, einer Parteiorganisation und einem militärischen Flügel. Haß und Verachtung trennt die Rebellen von der pro-indischen Regierung in Kohima. Viel Geduld ist vonnöten, ehe wieder Frieden einkehren kann.