Die Eröffnung der Kennedy-Runde in Genf hat in der amerikanischen Öffentlichkeit auffallend wenig Beachtung gefunden. Die Regierung ist mit anderen Fragen und Problemen in stärkerem Maße als mit der westlichen Zollsenkungsaktion beschäftigt. Innen- und außenpolitische Probleme stehen im Vordergrund. Der Initiator zur westlichen Handelsexpansion ist mit dem Tode Kennedys von der politischen Bühne Amerikas abgetreten, und auch die Berater, deren Köpfen die Idee entsprungen ist, haben nicht mehr den früheren Einfluß.

Die Kennedy-Runde ist zwar am 4. Mai offiziell eröffnet worden. In Wirklichkeit jedoch sind die Verhandlungen seit über einem Jahr im Gange und haben die Schwierigkeiten klar zu Tage treten lassen. Das amerikanische Interesse bestand vor allem in der Steigerung des amerikanischen Agrarexportes nach Westeuropa, um damit die amerikanische Zahlungsbilanz zu verbessern, die landwirtschaftliche Überproduktion in den Vereinigten Staaten abzusetzen. Es hat sich im Laufe des letzten Jahres mit unmißverständlicher Klarheit herausgestellt, daß diese Erwartungen auf einer Verkennung der Agrarpolitik der EWG-Länder beruhten, die zur Selbstversorgung tendiert und nicht darauf eingestellt ist, den Gemeinsamen Markt für einen breiteren Strom amerikanischer Agrarprodukte offen zu halten. Damit hat die Idee hier in Amerika stark an Reiz verloren.

Die Europäer haben das Problem der sogenannten „Zolldisparitäten“ aufgeworfen. Diese Haltung wird mit der Argumentation begründet, daß die hohen amerikanischen Zölle auch nach einer Halbierung noch wirksam bleiben, während die niederen europäischen Zölle durch die Halbierung so geringfügig werden, daß sie jede Wirksamkeit verlieren. Vom amerikanischen Standpunkt aus gesehen, erfüllen die höheren amerikanischen Zölle jedoch die Funktion, einen wenigstens teilweisen Ausgleich für die mindestens dreifach so hohen amerikanischen Löhne zu bieten. Durch eine stärkere Herabsetzung der amerikanischen Zölle würde der Ausgleich der Lohndifferenz herabgemindert.

Es steht bereits fest, daß amerikanischerseits Konzessionen hinsichtlich der Zolldisparitäten gemacht werden müssen. Mit einer Verschlechterung der Export- und Importkonkurrenzbedingungen wird sich die amerikanische Industrie aber kaum befreunden.

Während in Europa die Frage gestellt wird, ob Amerika noch ernsthaft an dem Erfolg der Zollverhandlungen interessiert ist, wird in den USA die Gegenfrage erörtert, ob die Europäer im Grunde ihres Herzens ein Ergebnis wünschen, das über ein in der Sache mehr oder weniger belangloses Abkommen hinausgeht. Eine der bekannten amerikanischen Wochenzeitschriften berichtet als „Geflüster in Washington“, daß führende westeuropäische Wirtschaftler im Grunde ihrer Seele froh darüber sind, daß de Gaulle da ist und Kritik an den Amerikanern übt.

Es ist aber kein Hehl daraus zu machen, daß in Amerika ein Gefühl der Enttäuschung über die Wirtschaftspolitik der EWG um sich greift, nachdem die Vereinigten Staaten den europäischen Wiederaufstieg mit rund 50 Milliarden Dollar finanziert und die Hauptlast der gemeinsamen weltweiten Verteidigung übernommen haben. Das von dem Vorsitzenden des außenpolitischen Senatsausschusses, Fulbright, geforderte außenpolitische Umdenken und die Zusammenstreichung der Entwicklungshilfe unter drastischer Einschränkung des personellen Apparates sind Reaktionen auf Erwartungen, die sich als illusorisch herausgestellt haben.

Trotz vieler Schwierigkeiten dürfte über die Industriezölle eine Kompromißlösung leichter erreichbar sein als in der Frage des amerikanischen Agrarproduktenexportes nach Westeuropa. Die Amerikaner erblicken in der Agrarpolitik der EVG jedoch den Prüfstein der europäischen Bereitwilligkeit zu einer wirklichen Handelskooperation zwischen der EWG und den Vereinigten Staaten.

Nachdem die amerikanische Politik in letzter Zeit mit Westeuropa in der Frage des Ost-West-Handels und des Handels mit Kuba einige Enttäuschungen erlebt hat, überwiegt heute ein Gefühl der Skepsis. Ein Abkommen, das den Intentionen Kennedys entspricht oder zumindest nahekommt, würde trotz aller Vorbehalte allgemein begrüßt werden – auch wenn es einigen Industriezweigen das Leben erschwert. Ein notdürftiger Kompromiß hingegen, der den amerikanischen Agrarexport nach Westeuropa eher einengt als erweitert und der Industrie mehr Konkurrenznachteile auf dem inneren Markt als Exportvorteile einbringt, wird zweifellos zur Verstärkung der politischen und wirtschaftspolitischen Umdenkungstendenzen in Amerika beitragen. Alfred Michaelis, New York