Von Wolfgang Winter

Zürich, Mitte Mai

Schweizer Börsen stecken weiter in eigenen Sorgen“ – „äußerst vorsichtig“ – „ausgesprochen unregelmäßig“ – „Abbröckelungsprozeß setzt sich fort“ – „Niedergeschlagenheit und Ratlosigkeit“ – das ist der Tenor der hiesigen Börsenkommentare seit Monaten. Die Schweizer Börsen sind, wie man hierzulande zu sagen pflegt, „muff“. Der Aktienindex der Schweizerischen Nationalbank, der den Kurswert in Prozenten des Nennwerts aller wichtigeren schweizerischen Dividendenpapiere ausdrückt, hat bis zum vergangenen Wochenende bei 691,3 den Stand des Hochsommers 1960 erreicht. Selbst der Börsenkrach vom Mai 1962 (825,4) stürzte bei weitem nicht in solche Abgründe. Heute ist der Tiefpunkt der Kuba-Krise (652,3) bereits in Sichtweite.

Mit Wehmut blicken die Schweizer Börsianer auf so „goldene“ Zeiten wie im Frühjahr 1962 zurück, als der Gesamtindex am 9. März bis auf 1218,8 geklettert war. Seitdem waren nur noch kurzfristige Aufhellungen vor einem immer mehr sich verdüsternden Horizont zu verzeichnen.

Das Börsenjahr 1963 begann mit 856,7 und schloß nach vier flüchtigen Erholungswellen bei 783,8. Inzwischen hat sich die Abwärtsbewegung beschleunigt. Das ist um so bemerkenswerter, als die deutschen und amerikanischen Börsen, deren Tendenz über weite Strecken in fast serviler Haltung kopiert zu werden pflegte, durchaus kein Alibi für eine derartige Entwicklung bieten. Nach wie vor beherrscht jedoch nicht Nervosität, sondern Lustlosigkeit, ja, Resignation das Feld. Wie 1963, als die Wertpapierumsätze nur noch den Wert von 1959, die bezahlten Kurse gar nur noch die Ziffer des Jahres 1958 erreichten.

Natürlich zerbrechen sich seit geraumer Zeit die Schweizer Bankiers den Kopf, wie das zu erklären ist. Daß die Börsensituation zur Lage in der Schweizer Wirtschaft in krassem Widerspruch steht, ist offensichtlich. Mit Ausnahme der Baustoff-Holding Holder-Bank hat kein Schweizer Unternehmen von Rang in letzter Zeit seine Dividende senken müssen, obwohl die Kapitalerhöhungen sich zeitweise jagten. Einzelne Verwaltungsratspräsidenten haben im Gegenteil an den Hauptversammlungen durchblicken lassen, daß eine höhere Ausschüttung „ohne weiteres“ möglich sei.

Die Reingewinne zeigen trotz des in der Schweiz traditionellen „Understatement“ durchweg ansteigende Tendenz, die Umsätze, soweit sie überhaupt bekannt sind, ebenfalls. Daß fast alle größeren Gesellschaften in den letzten beiden Geschäftsjahren ihr Grundkapital erhöhten, spricht ebenso kaum für Stagnation. Wer die hierzulande übliche Sprachregelung beherrscht, kann aus den gedämpft optimistischen Äußerungen der Verwaltungen heraushören, daß in praktisch allen Branchen und allen bedeutenderen Unternehmungen der gegenwärtige Geschäftsgang ausgezeichnet und zumindest die nähere Zukunft zuversichtlich zu beurteilen ist.