Die alljährlichen Versammlungen des „Verbandes der deutschen Filmclubs“ müssen früher einmal, in den Jahren nach dem Kriege, als der Nachholbedarf auch in Sachen Film groß war, für die Bundesrepublik eine kleine Sensation gewesen seit. Jedenfalls hört man es von denen, die damals schon dabei waren, so erzählen. Dann wurde es ruhiger um die Filmclubs, die Krise war auch an ihnen nicht vorübergegangen. Noch im letzten Jahr stand die Tagung unter dem hochtrabenden Titel „Literarisierung des Films“, der dann schiell noch in „Moderne Filme, Kino der Autoren“ umgetauft wurde, aber die nur spärlich herbeigeeilten Mitglieder sahen bloß Filme, die nur noch um sieben Ecken mit dem Thema zu tun hatten. Unzureichende Einführungen und desorientierte Diskussionen machten das Fiasko komplett.

Die diesjährige Tagung mußte selbst Optimisten, falls es die überhaupt noch gegeben hat, überraschen. Es gelang dem Verband, für vier Tage eine Cinemathek zu ersetzen, er veranstaltete eine mustergültige Retrospektive auf Fritz Lang. Zweiundzwanzig Filme, von morgens um nein bis tief in die Nacht, ganz ohne Zweifel die wichtigsten des Regisseurs (daß man „Fury“ in Bad Ems nicht zu sehen bekam, hatte organisatorische Gründe, der Film war vom Lizenzträger gesperrt worden), und dazu eine dicke, vorzüglich zusammengestellte Dokumentation.

Teil I, Filme Langs bis 1933, treibt die Stoffhuterei allerdings ein bißchen weit, während Teil II, die amerikanischen Filme des Regisseurs, vom Frankfurter Filmstudio zusammengetragen, unter anderem auch ein genaues Bild von der enthusiastischen Rezeption des Regisseurs in Frankreich gibt und damit Material liefert, von dem man noch lange wird zehren können.

Fritz Lang ist ein Phänomen, ein Handwerker von unglaublichem Format, aber so naiv, daß der ganze Kitsch der Zeit in seine Filme fließen konnte. Unverdrossen hat er die unsäglichen Drehbücher Thea von Harbous, seiner ehemaligen Frau, eines nach dem anderen verfilmt und sich auch später, als sich ihre Wege trennten (sie zog es bezeichnenderweise vor, in Hitlerdeutschland zu bleiben), nie wieder von dieser künstlerischen Mesallianz recht erholen können. Vor dem Hintergrund seiner anderen Filme nimmt sich „M“ – eines der wenigen aufgeklärten Werke des frühen deutschen Films – wie ein Glückstreffer aus. An gutem Willen hat es Lang nie gefehlt – „Das Testament des Dr. Mabuse“, 1933 gedreht und als scharfe Warnung vor Hitler gedacht, beweist es –, aber daß brave Tendenz noch keine Kunst macht, gilt auch für ihn.

„Die Spinnen“ von 1919 und 1920, ein konturloser Mischmasch aus abenteuerlichen Situationen, die immergleichen Darsteller jagen sich in wechselnden Kostümen über die Kontinente, zeigen schon Langs kindliche Freude an der Kolportage, die im „Müden Tod“ von 1921 mit deutscher Todesschwärmerei faszinierend zusammengeht. Die „Nibelungen“ sind weniger eine Verfilmung des mittelalterlichen Epos als eine bizarre Demonstration deutschen Selbstverständnisses in den frühen zwanziger Jahren, so unsäglich kitschig und zugleich monströs stilisiert wie „Metropolis“ und „Die Frau im Mond“. „M“ steht einsam da, obgleich Thea von Harbou auch bei diesem Film ihre Finger im Spiel hatte.

Hitler hatte an „Metropolis“ verständlicherweise solchen Gefallen gefunden, daß er Lang für sich gewinnen wollte. Der aber zog es vor, Deutschland den Rücken zu kehren, ging nach Hollywood und drehte „Fury“, einen klaren und sauber gemachten Anti-Lynch-Film.

Leider sind nicht alle amerikanischen Filme Langs wie dieser. „Hangmen also die“, die Langsche Version vom Heydrich-Attentat und seinen Folgen, ein Film, der hier einen legendären Ruf genoß, weil ihn niemand kannte, kann man heute kaum mehr ansehen. Als habe Lang nie „M“ gedreht und als habe er nie in Deutschland gelebt, so naiv sind die Hitler-Schergen in diesem Film verzeichnet. (Vom Treatmenc Brechts, der den Widerstand in der Tschechoslowakei zeigen und damit zum Widerstand auffordern wollte, ist. nur eine Karikatur geblieben.)