G. Z., Berlin

Bei der feierlichen Einweihung des neuen Berliner DGB-Hauses am Mittag des 5. Mai ging es im Trubel der Festtagsfreude unter, daß am selben Tage und im selben Haus die „freiheitlichen Kräfte“ im DGB einen Sieg gegen die Intoleranz errangen. Während der DGB-Vorsitzende Ludwig Rosenberg in seiner Eröffnungsrede viel von der Freiheit sprach, der sich die Gewerkschaften verschrieben hätten, zeigten die Mitglieder des Presseausschusses in ihrer Arbeitssitzung zum Thema „Gewerkschaftliche Monatshefte“ wie ernst man es mit der Meinungsfreiheit nimmt. Es zeigte sich, daß die Gewerkschaften sich stark genug fühlen, den Chefredakteur eines DGB-Organs auch dann zu tolerieren, wenn er in seiner Zeitschrift Meinungen veröffentlicht, die mit den amtlichen DGB-Vorstellungen nicht identisch sind.

Der Chefredakteur der „Gewerkschaftlichen Monatshefte“, Dr. Walter Fabian, ein „profilierter Linker“, hatte im März-Heft zwei Artikel veröffentlicht, die in der Düsseldorfer DGB-Zentrale, vor allem beim geschäftsführenden Bundesvorstand, einigen Ärger verursacht hatten. Da hatte einmal Helmut Lindemann sich für eine neue Deutschlandpolitik engagiert, die in der Anerkennung der DDR gipfeln sollte. In einem anderen Beitrag zog der Schweizer Manfred Kuhn Vergleiche zwischen „Auschwitz“ und „Nagold“, mit dem Ergebnis, „daß die Fallschirmjäger von Nagold als Typen nicht wesentlich verschieden sind von den Massenmördern des nationalsozialistischen Verbrecherstaates“.

Nun hatte zwar vor 15 Jahren der damalige DGB-Vorsitzende Hans Boeckler den „Gewerkschaftlichen Monatsheften“ bei der Gründung mit auf den Weg gegeben, sie sollten „ein Diskussionsorgan sein, in dem Gewerkschafter und Vertreter der Wissenschaft, Vertreter unserer Sozialpartner wie des öffentlichen Lebens Gelegenheit haben, in eingehender Diskussion zur Lösung der Wirtschafts- und Sozialprobleme beizutragen“. Den Funktionären des Jahres 1964 indessen schien solche Devise zu weit zu gehen. Man machte sich auch Sorgen, daß solche „nonkonformistischen“ Diskussionsbeiträge dem DGB als Herausgeber der Zeitschrift „angelastet“ werden könnten. Tatsächlich hatten christliche Demokraten empört auf die beiden Artikel reagiert. „Informierte Kreise“ halten es auch für möglich, daß Sozialdemokraten beim DGB intervenierten.

Kurzum: der geschäftsführende DGB-Bundesvorstand zitierte Fabian nach Düsseldorf, verlangte von ihm derart viele Zugeständnisse für die künftige redaktionelle Arbeit, daß er es vorzog, seinen Rücktritt anzubieten. Bemerkenswert ist dabei, daß diese Aussprache hinter verschlossenen Türen stattfand (nicht einmal Fabians Freunden soll die „Vorladung“ bekanntgewesen sein, weil er seine Sache allein austragen wollte) – und daß der „Fall Fabian“ trotzdem in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Obwohl die umstrittene März-Nummer der Monatshefte schon einige Zeit vorlag, griffen Kommentatoren erst jetzt zur Feder, um festzustellen, daß Fabian mit seinem „weiten Herzen“ die Bemühungen des DGB störe, eine faire positive Haltung zum Staat zu finden.

Der DGB-Bundesvorstand selber, der sich einen Tag später mit dem Fall beschäftigte, beschloß jedoch, nichts unversucht zu lassen, um zu einer Verständigung zu kommen. Während „gut informierte Funktionäre“ wissen wollen, der geschäftsführende Vorstand hätte es recht gern gesehen, wenn Fabian das Feld geräumt hätte, betrachteten es offenbar die Mitglieder des Bundesvorstandes als eine Frage der „Pressefreiheit“, ob Fabian ging oder blieb. Ihnen mußte auch schon deshalb an einer Demonstration gewerkschaftlicher Toleranz liegen, nachdem durch eine einseitige Nachrichtengebung aus Düsseldorf der Eindruck entstanden war, der DGB wolle sich aus opportunistischen Erwägungen von dem „journalistischen Repräsentanten des linken Gewerkschaftsflügels“ trennen.

Obwohl der geschäftsführende Vorstand betonte, man habe lediglich den eigenwilligen Chefredakteur freundschaftlich daran erinnern wollen, daß er sich nicht allzusehr von der politischen Meinung seines Herausgebers entfernen solle, scheint der Verdacht nicht unberechtigt zu sein, daß der „rechte DGB-Flügel“ den „linken Fabian“ ganz einfach „abschießen“ wollte. So jedenfalls müssen es Gewerkschafts-Formationen beurteilt haben, die sich in Resolutionen mit der Bitte an den Bundesvorstand wandten, Faban in seinem Amt zu belassen. Seine Arbeit fortzuführen, entschloß sich Fabian jedoch erst, nachdem man eine „Kompromißformel“ gefunden hatte, um einerseits die freie Meinungsäußerung in den „Gewerkschaftlichen Monatsheften“ nicht einzuschränken, andererseits jedoch die „berechtigten Belange“ des DGB zu berücksichtigen.

Der Kompromiß besteht darin, daß künftig nicht mehr der Deutsche Gewerkschaftsbund als Herausgeber der Hefte auftritt, sondern der DGB-Vorsitzende Ludwig Rosenberg persönlich. Kaum war diese Entscheidung am Nachmittag des 5. Mai im Berliner Gewerkschaftshaus gefallen, da sah sich Fabian in einer für einen Journalisten ungewöhnlichen Situation: Bislang gegewohnt, selber unerbittliche Fragen zu stellen, war es nun der 62jährige Publizist, der von Presse und Rundfunk interviewt wurde. Wie alles weitergehen solle, so wurde er gefragt. Er sei zufrieden mit dieser Lösung, weil er nun nicht mehr einer „Organisation“ als Herausgeber gegenüberstehe, sondern einen ständigen Gesprächspartner habe. Die neue Organisationsform faßt Fabian jedenfalls nicht als einen „Maulkorb“ auf.