Von Uwe Nettelbeck

Mit skandalöser Verspätung ist endlich auch in der Bundesrepublik „Mutter Johanna von den Engeln“ von Jerzy Kawalerowicz angelaufen. Nicht Bergmans „Schweigen“ war ein Prüfstein für Zensoren, sondern dieser polnische Film. Dort ging es um die Freiheit des Geschmacks, die wichtig, hier um die der Kunst, die wichtiger ist. Dort ist die Zensur offensichtlich einer angeblichen Gottsucherei aufgesessen und hat Szenen sanktioniert, die sonst zweifellos der Schere zum Opfer gefallen wären; hier geht ein Film ganz offen mit Kirche und Religion ins Gericht. Daß wir ihn nun sehen können, ist nicht dem Zufall oder einem Mißverständnis zu danken, Rekapitulieren wir kurz die Vorgänge, soweit sie durchgesickert sind: In der Originalfassung konnte „Mutter Johanna“ zunächst den ominösen Interministeriellen Ausschuß passieren, der Constantin Verleih begann unverzüglich mit den Synchronarbeiten. Plötzlich stellte der Verleih aber den Film zurück. Der Vorsitzende des Ausschusses hatte den Chef von Constantin angerufen, dieser das Gespräch offensichtlich als politischen Wink verstanden und sich mit seinen polnischen Geschäftspartnern arrangiert. Der bloße Verdacht einer antikatholischen Tendenz, genährt noch durch den Protest des Vatikans bei der Aufführung des Filmes in Cannes (gleichzeitig wurde auch gegen „Viridiana“ polemisiert), reichte aus. Nun wird niemand etwas dagegen einzuwenden haben, daß die katholische Kirche sich wehrt, und sei es auch ohne guten Grund wie im Fall der „Mutter Johanna“. Kawalerowicz zeigt nicht mehr und nicht weniger als eine mögliche totalitäre Perversion gefährlich mißverstandenen Christentums als Modellfall, um totalitäre Gefahr überhaupt zu demonstrieren. Daß er sich darüber hinaus vielleicht das Heil der Menschheit nicht von irgendeiner Religion erhofft, ist seine Sache und steht auf einem anderen Blatt. Eine scharfe Diskussion und heimliches Intrigieren hinter dem Rücken der Öffentlichkeit, der Versuch einer Filmzensur durch eine Minderheit sind allerdings zweierlei.

Kein vernünftiger Katholik wird sich durch diesen Film in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlen können, denn der Film ist nicht verletzend und ohne Haß. Kawalerowicz will aufklären, nicht umkrempeln und wendet sich lediglich gegen eine Kirche, die eine dumpfe Macht über ihre Gläubigen ausübt, die den Menschen entmündigt und dadurch erniedrigt. Er weist nach, daß Seelsorge zum Werkzeug der Unterdrückung werden kann. Die evangelische Kirche hat „Mutter Johanna“ mit einem Preis honoriert, die katholische wäre gut beraten, ihr zu folgen.

Nichts von bohrendem Ernst, nichts von Grübelei hat dieser Film, er fabriziert keine Zauberkunststückchen im Schummer, fragt und sucht auch nicht, sondern ist ein Werk des Verstandes, ein klarer Film, und Jerzy Kawalerowicz ein Regisseur, der genau weiß, was er sagen will. Nein, es wird keine endlosen Diskussionen geben, allenfalls erbitterten Widerstand und Rezensentenvorsicht. Vor diesem Film wird es schwer sein, die Schäfchen ins Trockene zu bringen, Interpreten-Tiefsinn dürfte kaum verfangen.

Pater Suryn wird geschickt, der Mutter Johanna die Teufel auszutreiben. Diese ist Oberin eines Nonnenklosters auf dem Lande, dessen Insassinnen sich wie toll gebärden, im Klostergarten obszöne Tänze aufführen und sich den eifrigen Exorzisten beharrlich widersetzen. Der junge Pater ist seiner Aufgabe nicht gewachsen und verfällt der Sünde. Er beginnt Mutter Johanna zu lieben. Um sie zu retten, um die Teufel von Johanna zu lösen und auf immer an sich zu ketten, nimmt er ein Beil und tötet zwei unschuldige Stallknechte.

Die Nonne Margarete vom Kreuz nimmt das Klosterleben nicht ernst. Immer wieder stiehlt sie sich zu der kleinen Schenke in der Nähe, nimmt ab und zu einen Schluck und läßt sich am Ende sogar mit einem Edelmann ein, der schon lange auf ein Abenteuer mit einer Nonne des berüchtigten Ordens aus ist und Margarete schon nach der ersten Nacht wieder verläßt.

Der alte Pfarrer Brym wundert sich über die seltsamen Vorfälle im Kloster, er ist froh, sich heraushalten zu können. Sein Teufelchen sei vielleicht das Bier, meint er pfiffig und rät Suryn, nur tüchtig zu essen, das helfe immer. Er ist nüchtern genug, auf die Idee zu kommen, daß bei den Nonnen vielleicht gar keine Teufel umgehen.