Die Männer der Münchener Lach- und Schieß-Gesellschaft, so scheint es, müssen sich ihre Pointen in bitterer Schreibtischarbeit ersinnen; Improvisation ist ihre Sache nicht, mit der Dialektik stehen sie, die an Monologe und launige Arabesken Gewöhnten, auf feindlichem Fuß. Von Mende und Gerstenmaier, von Erler und Strauß zur Rede gestellt, beschränkten sie sich auf folgsames Nicken und die Bekundung ernsten Staatsbürgersinns. Statt Mendes Proporz-Kabarett ad absurdum zu führen (für jede Umfaller-Spitze eine entsprechende Glosse über die Roten und Schwarzen!), statt Strauß („ich gehe nur sehr selten in ein Kabarett... wie sollte ich mich also ärgern?“) an eine sehr bekannte und sehr böse Nummer des Kom(m)ödchens zu erinnern, machten die Münchener Schützen den Eindruck von Erstkommunikanten, die sich auf dem Wege von Bayern nach Bonn gegenseitig das Grundgesetz abgehört haben. Nur keine Experimente hieß die Devise... und es waren die Kabarettisten, die diese Maxime mit rührender Inbrunst vertraten – und dies, obwohl man auf der Politikerseite nicht zwischen so disparaten Sendungen wie „Panorama“ und „Hallo, Nachbarn“ zu unterscheiden vermochte. Doch was nützten die Blößen der Einen, das „haut mich, aber haut die andern auch“, das Verwechseln von Kogon und Münch, das g’schamige Polieren des eigenen Image, was nützte das alles der Gegenpartei? Nicht das Geringste. Die Kabarettisten, auf Dispute gänzlich unvorbereitet, sahen am Ende aus wie Primaner nach der Entlassungsrede ihres Direktors: bewegt und gerührt, beflissen und von der Blindheit dessen erfüllt, der glaubt, man nähme ihn für voll, wenn man ihn leutselig streichelt... schaut doch nur, wie lieb der kleine Tiger ist!

So düster der Anfang, so freundlich das Ende. Im nimmermüden, durch keine Festival-Niederlage zerstörten Streben nach höheren Ehren auf dem Felde der leichtesten Muse hatte man in Berlin die „Vorentscheidung der deutschen Schlagerfestspiele 1964“ zum Austrag gebracht. Es wurden zwei fröhliche Stunden, und das Publikum freute sich mächtig; man war in Kaffeeklatsch-Laune und hatte auf allen Snobismus verzichtet. Hier ein kühner Ausschnitt, dort Pfeffer und Salz, hier Ellenbogen-Handschuhe und dort der Sommermantel (warum nicht, die Garderobe ist teuer), hier Teenager, dort selige Muttis; hier winkende Schwestern, beide in der Sonntagsbluse von Tietz, dort ein grimmiger beau, der erst klatschte, wenn er ins Bild kam: Rentner und Kinder mit Kettchen und Krause waren friedlich, wie zum Konzert des Schülerorchesters vereint, und auch die Sänger taten ihr Bestes. Nachmittagsvorstellung des Zirkus hieß die Devise; Heidi Abel, die Schweizerin, die ihr Blütenbeet am Ausschnitt mit berauschender Sicherheit trug, sprach vom Geld und der Liebe, rheinische Herren schmetterten Karnevalweisen (waren es rheinische Herren?), neben dem Vamp mit der Punschlippe und dem klirrenden Falsifikat sah man, vor einer Jalousie und zwei verschnörkelten Pfeilern (halb Japan, halb Kraftaktgerät), eine Reihe von mollerten Damen, von Kindern und Twens, die allesamt etwas Rührendes hatten. Die Zeit des glamour scheint vorbei; man trägt seine Brille mit Stolz und zeigt die schlaksigen Pubertäts-Glieder ohne Erröten. Körperfülle ist nicht mehr ein Makel; die Glatze, gottlob, war es schon lange nicht mehr. Und so besang man denn also, im Matrosenkittel, den jungen Mann und seine roten Rosen, sang mit schwedischem Akzent das gallische Deutsch, sang sisch und nischt und sang aus vollem Hals auch schöne Mädchen backen kleine Brötchen. Ja, es waren herzhafte Weisen, die Texte hatten den Charme der Karschin’schen Verse, der Dilettantismus versöhnte, und zweimal stellte sich sogar echte Ergriffenheit ein: in der Pause, die ein genialer Bauchredner füllte, und in einem Augenblick des Schweigens, als man nur das Mikrophon, aber keine Sängerin sah: silbern, obszön und erwartungsfreudig glänzten Kugel und Stab, ansonsten war Stille...

Grund zum Spott und zum Gelächter über so viel liebenswerte Unbeholfenheit? Aber nein, aber nein. Wer sich der Wunschkonzerte, wer sich Heinz Goedekes Stimme und der Heimat, die der Front die Hände reicht, erinnert, wird der friedlichen Nachmittagsrunde, den strahlenden Omas und den Schnulzen-Priesterinnen ihr Doppelglück gewiß nicht mißgönnen. Momos