Walter Kolarz: Die Religionen in der Sowjetunion. Herder-Verlag, Freiburg; 540 Seiten, 58,– DM.

Im Westen ist man leicht geneigt, auch das geistige Rußland mit dem Kommunismus gleichzusetzen. Wie sehr man der russischen Wirklichkeit damit Unrecht tut, zeigt Walter Kolarz, der das „andere Rußland“ schildert, das Rußland der Gläubigen.

Der kommunistische Atheismus hat offiziell allen Religionen den Kampf angesagt. Die Gläubigen sind die neue unterdrückte Klasse in Rußland, sie werden von der Gestaltung des öffentlichen Lebens, insbesondere von der Jugenderziehung, ausgeschlossen. Um so überraschender mag es für westliche Ohren klingen, daß in der Praxis viele überzeugte Kommunisten religiös gläubig sind oder zumindest unbewußt von religiösen Einflüssen bestimmt werden.

Wie war es möglich, daß sich die Religionen unter einem atheistischen System hielten, daß sie sogar einen Teil ihrer institutionellen Formen bewahren konnten? Die atheistische Propaganda blieb relativ unwirksam, weil der Kommunismus keine neue Moral bieten konnte, die überzeugend und stabil genug wäre, um die Religionen zu ersetzen. Allzu offensichtlich war die opportunistische Anpassung ethischer Normen an die jeweilig; Parteilinie, wie sich bei der Familiengesetzgebung besonders typisch zeigte. Moralische Unsicherheit, Enttäuschung über die sowjetische Ideologie und geistiger Hunger gab den Religionen vor allem bei der jungen Generation immer wieder starken Auftrieb. Auch für die Zukunft ist mit einem Verschwinden der Religionen nicht zu rechnen, so daß der Kommunismus gut beraten wäre, sie offiziell zu tolerieren.

Kolarz ist es nicht um eine theologische, sondern um eine soziologische Arbeit zu tun. Er gibt einen umfassenden Bericht über die Praxis sowjetischer Religionspolitik gegenüber allen Kirchen und Religionsgemeinschaften Sowjetrußlands. Mit unendlicher Mühe und Sorgfalt sammelt, sichtet und interpretiert er eine Fülle verschiedenartiger Quellen. Das persönliche Urteil bleibt stets im Hintergrund.

Leider ist das Buch zu breit und zähflüssig geschrieben, als daß es einen weiten Leserkreis finden könnte. Doch gehört es als wissenschaftlich zuverlässiges Nachschlagewerk in jede öffentlich; Bibliothek. Urte von Kortzfleisch