Von Johannes Jacobi

Weimar, im Mai

Von den sieben Festvorstellungen in Weimar war eine, die am Vorabend des 400. Dichtergeburtstags stattfand, „Richard III.“, auf 18 Uhr vorverlegt worden. Grund: Zu 22 Uhr hatte Alexander Abusch als Präsident des „Shakespeare-Komitees der DDR“ ins Hotel „Elephant“ geladen.

Sollte ich hingehen? Würde ich nicht nur herumstehen? Im Theaterparkett und in den schummrigen Foyers war mir nicht ein bekanntes Gesicht begegnet. Während zweiundzwanzig Jahren, die ich meine Vaterstadt nicht mehr besucht hatte, ist das Thea’terpublikum vollständig ausgewechselt worden. Wie mag sich da wohl ein „Empfang“ abspielen, der für die neue Prominenz der DDR. und für die internationalen Gäste der Festwoche gegeben wird? Die Neugier trieb mich hin.

Die Eingeladenen sammelten sich in der Hotelhalle. Der „Elephant“ gehört zu den vielen Starten in Weimar, die man mit den stereotypen Worten zu erklären beginnt: „Schon Goethe...“ Nebenan im schwerbeschädigten „Erbprinz“ hat Johann Sebastian Bach gewohnt, ist Friedemann Bach geboren worden. Der „Elephant“ hingegen sieht noch genauso aus, wie er auf Hitlers Geheiß renoviert wurde.

Der Marmor ist, genau genommen, Ehringsdorfer Travertin. In Ehringsdorf bei Weimar, wo der „Ehringsdorfer Mensch“ aus der älteren Steinzeit gefunden wurde, brach das Dritte Reich, solange es auf Autarkie bedacht war, seinen „deutschen“ Marmor. Er gab auch Hitlers Reichskanzlei gelblichen Glanz. Die Türverkleidungen des Fest- und Speisesaales im „Elephanten“ zeigen jedoch auch dunkelroten Marmor. Er muß aus dem Untersberg, zwischen Reichenhall und Salzburg, nach Weimar gebracht worden sein. Um dreiviertel zehn Uhr war die Halle überfüllt. Der Marktplatz vor dem Hotel war endlich einmal als Parkplatz besetzt.

Die Kleidung der zu empfangenden Gäste war durchweg schlicht. Das Höchste, zu dem die Herren sich aufschwangen, bestand in schwarzen Anzügen. Wo sie mit silbergrauem Schlips gezielt wurden, mußte ich lächeln: Wie sich die Bilder gleichen ... Viele hielten aber auch einen grauen Anzug oder etwas anderes Unbestimmbares für ausreichend. Den einzigen Smoking, der mir später im Gewühl begegnete, trug ein Intendant.