N. G., Leverkusen

Leverkusen ist eine ehrgeizige Stadt. Mit Bayer und seiner Bürger Hilfe hat sich das ehemalige Dorf in rasantem Tempo zur Industriemetropole gemausert. Vor kurzem wurde ihr der sehnsüchtig erwartete hunderttausendste Bürger geboren. Über dem Säugling prosteten sich die Stadtväter erleichtert zu: Nun endlich war Leverkusen eine Großstadt und brauchte sich von niemandem mehr auf die Schulter klopfen zu lassen – vor allem nicht vom benachbarten Köln, dessen bis hart an die Grenzen der Bayer-Stadt ausgestreckte Fühler man immer etwas mißtrauisch beäugt hat. Leverkusen ist stolz auf seine Selbständigkeit und auf sein modernes Fluidum, auch wenn gerade das allzu oft von den Bayer-Abgasen verpestet wird.

In der nüchternen Erkenntnis, das in der Vergangenheit nichts zu holen ist, was ihre junge Stadt attraktiv machen könnte, warfen sich die Leverkusener ganz auf die Zukunft. Äußeres Zeichen sind die großzügigen Straßen, die sie kühn durch Wiesen und Äcker bauten, dazu die neuen Wohnhäuser, Schulen und Krankenanstalten, denen die Zukunftsvisionen im Beton geschrieben stehen.

Mit Bedacht und Sorgfalt wurde auch die Kultur ausgesucht, die dazu passen sollte. Auch hier galt die Parole: Neue Konzeptionen, ohne scheelen Blick auf die benachbarten, reich ausgestatteten Museen. 1951 mietete die Stadt das reizvoll gelegene Schlößchen Morsbroich und richtete darin ein Museum ein, das sich ausschließlich auf die zeitgenössische Kunst spezialisierte. Von den 40 000 Mark, die die Stadtväter jährlich dafür ausgeben, werden nicht nur Bilder gekauft, sondern vor allem ständig wechselnde Ausstellungen organisiert, in denen junge Künstler und Tendenzen zur Kritik und Diskussion vorgestellt werden.

Mit dem Entschluß, nicht zu prunken, sondern zu provozieren und durch eine kluge Auswahl der Museumsdirektoren gewann Schloß Morsbroich bald bei Kennern und Kritikern der zeitgenössischen Kunst Ansehen und internationale Verbindungen. Aber am meisten ließen sich die Bürger der eigenen Stadt provozieren. Verdrossen fragten sie sich jetzt, ob das, was im Schloß hängt, Meterwaren oder Bilder seien. Zum offenen Ausbruch kam der Groll, als Direktor Dr. Udo Kultermann kürzlich „neue Tendenzen“ in der Malerei vorstellte, von denen er selber sagte, daß sie „eine extreme Position der heutigen Kunst“ dokumentierten.

„Kultermann ist reif wie eine Pflaume“, erboste sich ein Besucher. „Großparteitag der Monochromen“, wetterte der Leverkusener Künstler Kirchgaesser. Selbst der Stadtrat, der sonst so tapfer der Zukunft entgegenstrebt, fühlt sich unbehaglicher: Er hätte nichts dagegen, wenn der Museumsdirektor auch einmal etwas zur Erbauung ausstellen würde. „Der Kulturausschuß ist überfordert, und die Verantwortung tragen sie, Herr Dr. Kultermann“, rief die Stadtverordnete Maria Stommel bei einer Diskussion über die umstrittene Ausstellungspolitik aus. „Der Ausschuß sagt manchmal ja und ist dann hinterher entsetzt, wenn er die Ausstellung sieht. Das kann nicht so weitergehen.“ Doch der Direktor trug die Vorwürfe mit Fassung. Kulturamtsleiter Willy Kreiterling meint: „In der Ausstellungspolitik spiegelt sich natürlich auch eine gewisse Krise der jungen Kunst wider, in der es viel Suchendes und Unausgegorenes gibt.“

Zum Sturm gegen diese Politik bliesen auch die in Leverkusen ansässigen Künstler, wenn auch aus eigennützigeren Motiven. „Wenn die Leverkusener Großstädter werden wollen, sollen sie gefälligst ihren Kopf anstrengen und über die künstlerischen Geschehnisse hier in Leverkusen nachdenken“, schimpfte der Künstler Wilhelm Bernhard Kirchgaesser, in Fachkreisen bekannt für „elektronisch-optische Kommunikation“. Aber seine „Manifeste“ in den Leverkusener Lokalzeitungen sind den Bürgern auch ein wenig suspekt: Denn das, was im Schloß ausgestellt wird, bezeichnet er bereits als „klassisch“. Ob die Ausstellungen dazu noch einseitig sind und Dr. Kultermann ihnen wichtige zeitgenössische Künstler unterschlägt, können sie nicht beurteilen. Kirchgaesser behauptet es. Kulturamtsleiter Kreiterling meint indessen: „Ihm paßt es nicht, daß man seine Sachen nicht stärker bewertet.“