Es ist eigentlich nur ein Flecken im Schweizer Kanton Waadt, das sich aus einer Kopfsteinpflasterstraße, einem Brunnen und einem alten Schloß zusammensetzt. Alles drei nennt sich Gruyères, liegt zwischen Lausanne und Freiburg und lädt, wenn auch nicht zu einem längeren Aufenthalt, so doch zu einer erquicklichen Stippvisite ein. So man Glück hat, trifft man die beiden Alten vom Dienst am Brunnen, die mit weißwallendem Bart, schweren Schuhen und Knotenstock direkte Nachfahren von Wilhelm Teil sein könnten. An der Schloßtür entrichtet man einen kleinen Obolus und kann nach Herzens Lust ohne beamteten Führer im alten Schloß umherstreichen, ein bißchen Schweizer Geschichte studieren, am Kamin sitzen, vor den Armbrüsten und Spießen still erschauern, den Blick auf die Freiburger Alpen durch kleine Kemenatenfenster schweifen lassen, mit Kuhglocken, die so groß wie Kirchglocken sind, spielen, auf den moosbewachsenen Wehrgängen träumen. Tief atmen – und träumen. Man nennt den kleinen Ort wohl auch das Rotenburg der Schweiz. Wer nichts von der Schönheit wissen will, dem fällt bei Gruyères jetzt ein: Käse. Denn unser „Schweizer Käse“ ist „Gruyères“-Käse. Ob nun in der „Hostellerie St. Georges“ oder „Auberge de la Halle“ – auch Crème gibt’s überall. Zum Kaffee bekommt man ihn aus kleinen Holztöpfchen oder für ein paar Franken den Assiette gruyerienne, der Frischkäse und Wurst in großen Portionen enthält. Wenn das Wort anmutig noch eine Bedeutung hat, für den Flecken Gruyères ist es das rechte Attribut.

HrK