/ Von Wolfgang Leonhard

Der Konflikt Peking–Moskau wird nicht mehr bloß zwischen den beiden roten Hauptstädten ausgetragen. Längst hat er alle Parteien der kommunistischen Weltbewegung erfaßt. Allerdings verbietet sich eine säuberliche Einteilung in zwei Lager – hie Peking, dort Moskau. Fünf Gruppen lassen sich unterscheiden: eindeutig pro-Moskau; eindeutig pro Peking; neutral; in einigen Ländern gibt es schon zwei kommunistische Parteien; in anderen Ländern haben die Mao-Anhänger innerhalb der KP eine Pro-Peking-Fraktion gebildet.

Von den 14 kommunistisch regierten Ländern, die sich selbst als „sozialistische Staaten“ bezeichnen, folgen gegenwärtig die Tschechoslowakei, Bulgarien und die Mongolei am genauesten dem sowjetischen Kurs. Im Kampf gegen Peking wird Moskau auch von der Führung der Sowjetzone Deutschlands unterstützt, obwohl das Ulbricht-System in manchen außenpolitischen Fragen einen schärferen Kurs verfolgt, als es der Sowjetführung in Moskau genehm sein dürfte. Ungarn und Polen, die beide in ihrer Innenpolitik die Entstalinisierung weiter betrieben haben als der „große Bruder“ im Osten, stehen ebenfalls auf Moskaus Seite. Bei der polnischen Führung kommt jedoch hinzu, daß sie sich einem zu schroffen Vorgehen gegen Peking oder gar einem Ausschluß der Pro-Peking-Richtung in der Weltbewegung widersetzt, weil sie befürchtet, damit würde die Moskauer Herrschaft über Osteuropa wieder gefestigt und die eigene polnische Autonomie begrenzt bleiben.

Alle bisher genannten Länder – UdSSR, Polen, die Sowjetzone, die Tschechoslowakei, Ungarn und die Mongolei – gehören dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON) an, sowie (mit Ausnahme der Mongolei) auch dem Warschauer Militärpakt; sie haben alle das von Moskau befürwortete Atomteststopp-Abkommen unterzeichnet. (Die herrschenden Parteien dieser Länder wirken aktiv an der internationalen Zeitschrift der Moskauer Richtung „Probleme des Friedens und des Sozialismus“ mit.)

Auf dem entgegengesetzten Pol – dem Pekinger Flügel – stehen neben dem kommunistischen China noch das kleine Albanien sowie seit Herbst 1961 in zunehmendem Maße auch Nordkorea. Die KP-Führung Nordkoreas unterstützt Peking in allen entscheidenden ideologischen Fragen, hat jedoch im Unterschied zum kommunistischen China und Albanien bisher davon abgesehen, die sowjetische Politik und die sowjetischen Führer direkt anzugreifen. Die drei Länder des Pekinger Flügels – China, Albanien und Nordkorea – gehören weder dem COMECON noch dem Warschauer Pakt an (Albanien hat früher zwar dazugehört, aber nimmt an den Sitzungen nicht mehr teil). Sie weigerten sich auch, das von Moskau befürwortete Atomteststopp-Abkommen zu unterzeichnen. Die Verbreitung der internationalen Pro-Moskau-Zeitschrift „Probleme des Friedens und des Sozialismus“ ist in Albanien seit Februar 1962 untersagt, in China seit Dezember 1962 und in Nordkorea seit Juli 1963.

Eine dritte Gruppe der kommunistisch regierten Länder sind die „Neutralen“ – Rumänien, Nordvietnam und Kuba –, deren Haltung in Einzelfragen sich allerdings beträchtlich voneinander unterscheidet. Rumänien gehört nach wie vor dem Warschauer Pakt und dem COMECON an und hat das Atomteststopp-Abkommen begrüßt und unterzeichnet. Auch die „Probleme des Friedens und Sozialismus“ werden in Rumänien weiter verbreitet (nicht allerdings die Moskauer außenpolitische Zeitschrift „Neue Zeit“, die durch ein eigenes außenpolitisches Organ „Lumea“ ersetzt worden ist). In seiner Haltung steht Rumänien der Moskauer Linie näher, hat jedoch in den letzten Jahren einen recht eigenwilligen politischen Kurs verfolgt, sich wiederholt der weiteren Integration des COMECON widersetzt, eigene weitreichende Wirtschaftsbeziehungen mit dem Westen sowie mit Ländern der Pekinger Richtung angebahnt und, nicht ohne Erfolg, den Moskau-Peking-Konflikt zur Erweiterung der eigenen Autonomie und Unabhängigkeit ausgenutzt.

Risse überall