Wenige Tage vor ihrer Hauptversammlung gab die Farbwerke Hoechst AG die Übernahme der Aktienmehrheit an der Chemische Werke Albert, Wiesbaden-Biebrich, bekannt. Das von nicht nur für die Börse und für die betroffenen Aktionäre ein Ereignis ersten Ranges, sondern darüber hinaus auch für die gesamte chemische Industrie. Seit langem verfolgte man die Bemühungen zweier amerikanischer Chemie-Konzerne um die Chemischen Werke Albert. Nun haben die Farbwerke Hoechst das Rennen gemacht. Die Befriedigung darüber ist weniger vom nationalen Selbstgefühl getragen, als vielmehr von dem Bewußtsein, daß die deutsche Großchemie teil hat an den überall in der westlichen Welt erkennbaren Konzentrationsbestrebungen. Eine Parallele zu der Übernahme der Albert-Majorität durch Hoechst stellt der vor Jahren erfolgte Erwerb von Perutz durch Bayer dar, kurz bevor eine ausländische Interessengruppe zum Zuge kommen konnte.

Der Erwerb der Aktienmehrheit an der Chemische Werke Albert, Wiesbaden-Biebrich, durch die Farbwerke Hoechst wird es mit sich bringen, daß über kurz oder lang die Albert-Aktie von den Kurszetteln der deutschen Börsen verschwindet. Oder bestenfalls noch ein Schattendasein führen wird. Das ist sicherlich zu bedauern, denn die Albert-Aktie erfreute sich bisher eines guten Ansehens. Aber gerade wer den Weg des Unternehmens in den letzten Jahren mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, mußte sich ernstlich fragen, ob die Gesellschaft auf die Dauer ihre bisherige Selbständigkeit bewahren würde. Der harte Wettbewerb in der Chemie und die hier besonders bedenklich steigenden Personalkosten zwingen einmal zu einer kostspieligen Rationalisierung, zum anderen aber erfordern sie bestimmte Größenordnungen, die bei Albert einfach nicht zu finanzieren waren. So wie es bei Albert steht, sieht es auch noch bei einigen anderen Chemie-Unternehmen aus, und ich würde mich, meine verehrten Leser, nicht wundern, wenn noch weitere Gesellschaften dieser Branche in nächster Zeit Anlehnung an in- und ausländische Konzerne finden.

Die Chemischen Werke Albert, gegründet 1858 als Düngemittel- und Leimfabrik, sind bis heute ein Familienunternehmen geblieben. Großaktionär ist die Familie Albert, in deren Besitz sich die 0,09 Millionen Vorzugsaktien mit dreißigfachem Stimmrecht sowie etwa die Hälfte der Stammaktien von 15,6 Millionen befindet. Daneben gibt es noch 5 Millionen stimmrechtlose Vorzugsaktien mit einer garantierten Dividende von 4 Prozent. Die Chemischen Werke Albert produzierten im wesentlichen Kunstharze, Preßmassen, Pharmazeutika und Metallsalze. Das Spezialdünger- und Pflanzenschutzgeschäft wurde schon 1962 abgegeben.

Das Unternehmen mußte – wie jeder andere Betrieb – scharf rationalisieren und hatte deshalb einen erheblichen Kapitalbedarf. Darauf mußte bei der Festsetzung der Dividenden Rücksicht genommen werden. 1962 sind 12 Prozent ausgeschüttet worden. Dennoch hat die Gesellschaft mit ihrer Umsatzzunahme gegenüber dem Gros der chemischen Unternehmen nicht Schritt halten können. Der Umsatz ist 1963 auf 105 (102,6) Millionen gestiegen. Die Beschäftigtenziffer beträgt zur Zeit etwa 1800.

Der amerikanischen Großchemie, die dabei ist, sich in Westeuropa nicht nur einen Markt, sondern auch Produktionsstätten aufzubauen, war die Situation bei Albert nicht verborgen geblieben. Dem Vernehmen nach haben sich um die Aktienmajorität der amerikanische Chemiekonzern Du Pont und die Chemiefirma DOW bemüht. Bei Auslandsinvestitionen kann die amerikanische Industrie trotz der mißlichen US-Devisenlage auf steuerliche Hilfe der US-Regierung rechnen, die – wohlüberlegt – zwar den Kauf ausländischer Aktien mit einer Sondersteuer belegen will, aber nicht den Erwerb einflußgebender Industriebeteiligungen.

Für die Farbwerke Hoechst sind die Chemischen Werke Albert aus vielerlei Gründen „interessant“, nicht zuletzt deshalb, weil das Betriebsgelände sich in enger Nachbarschaft mit der Hoechster Tochter Kalle befindet. Albert verfügt noch über räumliche Reserven, die sich jetzt durch Kalle nutzen lassen. Daneben dürften sich echte Rationalisierungen und eine Verbundwirtschaft ergeben.

Und der Preis? Zunächst einmal hat Hoechst nur die im Familienbesitz befindlichen Albert-Aktien erworben. Für je 3000 DM Albert-Aktien erhielt die Familie nom. 2000 DM Hoechster Aktien. Der Großaktionär hat Wert darauf gelegt, daß den freien Albert-Aktionären das gleiche Angebot gemacht werden wird. Dabei sollen Stamm- und Vorzugsaktien zum gleichen Kurs umgetauscht werden. Die Börse hat dieser Tatsache durch eine entsprechende Kursangleichung bereits Rechnung getragen. Für die Vorzugsaktien mit dreißigfachem Stimmrecht ist eine Sonderregelung getroffen worden, über die jedoch bisher keine Erklärung abgegeben wurde.