Hamburg

Der Bundeskanzler wollte ins Bett. Von den Strapazen einer turbulenten Geburtstagsfeier gezeichnet, wartete Professor Erhard im Festzelt am Hamburger Elbstrand auf seinen Chauffeur – fast eine Stunde lang. Die Polizei riet ihm und 2000 anderen prominenten Gratulanten des Hamburger Hafens dringend von einem Ausbruchversuch ab.

Während der Kanzler müde Zigarre auf Zigarre entzündete, ging es im verträumten Elbvorort Klein Flottbek turbulent zu. Der Reporter des „Hamburger Abendblattes“ faßt das „schreckliche Geschehen“ in den winkligen Gassen und auf dem ländlichen Bahnsteig in die Worte zusammen: „Mütter schreien nach ihren Kindern, alte Leute brechen erschöpft zusammen, auf den Treppen stürzen Gebrechliche.“ Die Hanseaten feierten den 775. Geburtstag ihres Hafens. Ihre improvisierte Geburtstagsparty – „das größte Volksfest des Jahrzehnts“ (Bild) – endete in einem Chaos ohne Beispiel.

Natürlich war alles ganz anders. geplant. Der Senat wollte die 775. Wiederkehr des Tages, an dem angeblich Kaiser Barbarossa dem Grafen von Schauenburg jenen Freibrief übergab, dessen Privilegien den Aufschwung des Hamburger Hafens ermöglichten, eigentlich nur zum Zwecke der „Außenwerbung“ benutzen. Die Stadtväter wollten die Geschäftspartner Hamburgs einmal zu einem Gläschen Sekt unter Schiffswimpeln in teeriger Hafenluft laden. „Schon wegen des krummen Datums kein onanistischer Festbetrieb“ – wie es ein hoher hanseatischer Beamter ausdrückte. Der Senat hatte seine Rechnung jedoch ohne die „öffentliche Meinung“ gemacht. Bürgerschaftsopposition und Presse forderten, die Barbarossa-Schenkung mit einem Volksfest zu begehen, und die Stadtväter machten einen Kompromiß. Das Staatsvolk sollte Zaungast sein dürfen bei einem Feuerwerk zu Ehren von 2000 Prominenten, die am Flottbeker Elbufer eine Gartenparty feierten. Die Polizei rechnete von vornherein mit einer regen Anteilnahme der plötzlich so volksfestbedürftigen Hanseaten. Man richtete sich mit leichtem Schaudern auf den Ansturm von 150 000 bis 200 000 Geburtstagskindern auf die Hamburger Elbvorortidylle ein.

Doch es sollte anders kommen. Schuld an allem hat wohl der „schwarze Humor“ eines unbekannt gebliebenen Spaßvogels. Er prägte den „Scherz“ vom „größten Feuerwerk seit zwanzig Jahren“. (Vor zwanzig Jahren erlebten die Hamburger den letzten Großangriff auf ihre Stadt.) Springers biedere Familienzeitung „Hamburger Abendblatt und die weniger biedere „Bild“ Zeitung zeigten wenig Verständnis für solcherart. Ironie. Obgleich der Senat nie in solch pietätlosen Superlativen von seiner Veranstaltung gesprochen hatte, nahmen sie den makabren Ulk für eine offiziöse Ankündigung. Sie wollten ein Volksfest. Sie riefen die Hamburger zum „größten Feuerwerk seit zwanzig Jahren“. Die SPD-nahe „Hamburger Morgenpost“ ließ sich daraufhin nicht lumpen. Sie versprach das „sicherlich größte Feuerwerk der Welt“. Am Vorabend des Vatertages hatte dann die Hamburger Presse die hanseatischen Gemüter volksfestlich geschrieben.

Schon am frühen Nachmittag des 7. Mai begannen die für Ruhe und Ordnung Verantwortlichen zu ahnen, was auf sie zukam. Die Millionenstadt begann sich zu leeren. In Stadtbahnen, Straßenbahnzügen, Autos, auf Fahrrädern, zu Fuß, auf Krücken, in Rollstühlen quollen unübersehbare Hanseatenmassen in Richtung Westen. Polizei, Hochbahn und Bundesbahn warfen alles an verfügbarem Personal und Wagen in die beginnende Schlacht. Es war kaum noch etwas zu retten. Statt der großzügig eingeplanten 200 000 drängten fast eine Million der 1,7 Millionen Hanseaten zum Flußufer, statt der erwarteten 1500 Autos kamen beinahe 100 000.

Schon Stunden vor Beginn des Feuerwerks gingen am anderen Ende der Stadt, in Barmbek, die S-Bahnfahrkarten aus. Die dort stationierten Polizeibeamten riefen über Funk um Hilfe: „5000 bis 6000 Personen nehmen drohende Haltung an.“ Minuten später hatten kräftige Fäuste Polizisten und Barrieren beseitigt, der Bahnhof wurde gestürmt. Das heiß gewünschte Volksfest ging dem Höhepunkt zu. In den Bahnen begannen sich die glücklichen Insassen zu verbarrikadieren. Als sie die Türen zuhielten, quollen die Mitbürger durch die Fensterscheiben. Bilanz der Bundesbahn am nächsten Tag: kaum ein Wagen mit intakten Türen, dreißig zerbrochene Scheiben.