Das "harmlose" Medikament finanziert die pharmazeutische Vorsehung

Das Arzneimittel in unserer Zeit" war Thema einer zweitägigen Vortragsfolge, zu der die Philipps-Universität in Marburg und der Marburger Universitätsbund eingeladen hatten. Mit diesem "Forum Philippinum 1964" wurde eine Veranstaltungsreihe fortgesetzt, die ein nachahmenswertes Beispiel dafür ist, wie sich eine Universität in die Diskussion aktueller Probleme durchaus nicht nur akademischen Charakters einschalten kann.

Nach dem Wunsch der Veranstalter sollen sich zu einem Forum Philippinum "auf der einen Seite erfahrene und sachverständige Männer des praktischen Lebens, und auf der anderen Seite Universitätslehrer als Forscher zu echten Gesprächen auf akademischem Boden zusammenfinden". Das erste Forum Philippinum, 1959 abgehalten, galt der Aktienrechtsreform. 1960 wurde über "Arbeitsmüdigkeit und Erholung des tätigen Menschen als Gegenwartsproblem" diskutiert, ein Jahr darauf über "Hochschulreife – Lebensbewährung", und in der letzten Woche also über Arzneimittel.

Als Redner waren nicht nur Ärzte, Pharmakologen und Vertreter der pharmazeutischen Industrie eingeladen worden. Vorträge des Bundesanwalts Dr. Kohlhaas aus Karlsruhe, des Vorsitzenden des Ausschusses für Gesundheitswesen des Bundestages, Rechtsanwalt Dr. Hamm, sowie eines Spezialisten für Sozialethik, des Marburger Theologen Professor von Oppen, offenbarten die Vielschichtigkeit der Arzneimittelprobleme. Das Ergebnis der Marburger Tagung: Eine befriedigende Lösung ist nicht in Sicht.

Der belehrende Schock

Bis vor zweieinhalb Jahren, als die Contergan-Katastrophe die Bundesbürger aufschreckte, hatte nur ein kleiner Kreis von Medizinern auf die Problematik der Arzneimittel hingewiesen, ohne Widerhall in der Öffentlichkeit zu finden. Der Normalverbraucher war überzeugt davon, daß Medikamente in jedem Falle mehr nutzen als schaden. Erst die Diskussionen, die sich nach dem Contergan-Unglück in Zeitungen und Zeitschriften, auf wissenschftlichen Kongressen und politischen Versammlungen entwickelten, lenkten die Aufmerksamkeit auf die Arzneimittelprobleme:

  • auf die Tatsache, daß bei jedem Medikament, das gegen eine Krankheit wirksam ist, auch mit unerwünschten Nebenwirkungen gerechnet werden muß und daß es für den Arzt in jedem Falle gilt, voraussichtlichen Nutzen und möglichen Schaden gegeneinander abzuwägen;
  • auf die Schwierigkeiten, die sich der Prüfung neuer Arzneimittel auf gefährliche Begleiterscheinungen entgegenstellen;
  • auf die Flut keineswegs immer notwendiger Neuerscheinungen, die alljährlich in die Apotheken schwemmt;
  • auf die Überproduktion gerade medizinisch weniger bedeutsamer Präparate und – daraus resultierend –
  • auf die aufdringliche Werbung, mit der die Arzneimittelhersteller nicht nur die Ärzte, sondern – bei rezeptfreien Präparaten – auch die medizinisch ahnungslosen Laien allen Verführungskünsten der modernen Werbetechnik aussetzen.