Donald S. Zagoria: Der chinesisch-sowjetische Konflikt, mit einem Schlußkapitel von Ernst Kux, Verlag Rütten und Loening, München 1964, 568 Seiten, 26,– DM.

In der Bewertung des Konflikts zwischen Moskau und Peking haben sich drei Schulen gebildet. Die einen sind überzeugt, daß der Streit nur ein Oberflächengeplänkel ist, das den inneren Zusammenhalt des Ostblocks nicht berührt und die gemeinsamen weltrevolutionären Pläne nicht verändert. Die anderen meinen, der internationale Kommunismus habe sich schon in seine nationalen Bestandteile aufgelöst, und es werde für den Westen Zeit, sich mit der gemäßigten Moskauer Spielart gegen die radikale Pekinger Richtung zu verbünden. Außerdem findet sich eine Gruppe, die das eine wie das andere nicht ganz glaubt, aber doch von beidem etwas. Der Autor des vorliegenden Buches, unter Eisenhower Ostberater der amerikanischen Regierung, zählt sich zu ihr. Für seinen Standpunkt spricht nicht nur die Dialektik.

Der Autor hält die Differenzen der beiden kommunistischen Großmächte, die ideologischen wie die politischen, für gewichtig genug, daß sie eine andauernde gegenseitige Entfremdung bewirken. Andererseits erscheinen ihm die gemeinsamen Interessen zu stark, als daß sie einen grundsätzlichen Wandel der internationalen Szene zulassen könnten. Die vorerst bedeutendste Folge des Konflikts sieht Zagoria in der Dezentralisierung und im verstärkten Polyzentrismus des Ostblocks. Auf diesem Umweg könnte sich am ehesten eine Umschichtung im weltpolitischen Kräftespiel ergeben, die dem Westen vielleicht Einflußmöglichkeiten eröffnet und gewiß die Lebensbedingungen der Menschen im Ostblock verbessert.

Wer die Zuspitzung des Konflikts in den letzten Wochen vor Augen hat, wird die Thesen Zagorias vielleicht für reichlich zahm halten. Der Autor stützt sie auf das Studium von fünf Jahren chinesisch-sowjetischer Beziehungen, vom XX. bis zum XXII. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Wenn das Buch dennoch aktuell geblieben ist, so beweist das, daß auch 1961 die gegensätzlichen Standpunkte schon bezogen waren. Gegenüber dem anfänglichen verdeckten Geplänkel wird in der heutigen Polemik nur vergröbert und handfester diffamiert. Inhalt und Zweck haben sich nicht geändert.

In der Flut der Literatur, die neuerdings das Thema behandelt, zeichnet sich Zagorias Buch durch seine Forschungsmethode aus. Es zeigt, daß auch ein feinfühliges Studium veröffentlichter kommunistischer Quellen zu wissenschaftlichen Ergebnissen führen kann. Die methodische Einleitung des Verfassers zählt zu den besten Rechtfertigungen der einst so verpönten „Sowjetogie.“

Dieter Roß