Buenos Aires, im Mai

Die Lateinamerikaner trauen den Angelsachsen nicht viel Gutes zu. Jedes amerikanische oder englische Hilfsangebot, sei es auch so uneigennützig gemeint wie Kennedys „Allianz für den Fortschritt“, wird deshalb zunächst einmal mißtrauisch daraufhin untersucht, ob es nicht etwa Instrument einer „imperialistischen Infiltration“ sein könnte.

Eine solche Reaktion hat die Bundesrepublik mit ihren von Lübke und Schröder recht feierlich vorgetragenen Beistandsangeboten nicht zu befürchten. Eindeutig wurden bei diesen Angeboten – mit einem Seitenblick auf de Gaulle – politische Aspirationen verneint. Die deutschen Gäste erklärten mit Nachdruck, daß sie nicht nach Lateinamerika gekommen seien, um etwa den Vereinigten Staaten Konkurrenz zu machen, vielmehr sei es die Absicht der Bundesregierung, neben und mit den USA ihren Teil zur Hebung des wirtschaftlichen, technischen und sozialen Standards in Lateinamerika beizutragen. Die Bundesrepublik sei fest entschlossen, es nicht bei protokollarischen Sympathiekundgebungen und rhetorischen Deklamationen bewenden zu lassen.

Lateinamerika hat in jüngster Zeit eine bemerkenswerte Aufwertung erlebt. Nicht länger liegt es in der Randzone der Weltpolitik. 22 Stirnmen in der UN sind schon der Zahl nach eine Macht – um so mehr aber, wenn sie geschlossen eingesetzt werden. Die Lateinamerikaner wollen von nun an „unabhängig“ agieren. Die Pariser Sirenenklänge von einer dritten Welt sind begierig aufgenommen worden. Man wird sich in dem großen Halbkontinent mehr und mehr der eigenen potentiellen Macht bewußt.

Auf der Weltwirtschaftskonferenz der UN in Genf trat Lateinamerika zum erstenmal als geschlossene Gruppe auf, und dieses Bild wird sich wohl auch künftig auf anderen Konferenzen wiederholen.

Frankreich nähert sich den lateinischen Schwestern auf der anderen Seite des Atlantiks, im seine Einflußsphäre in der Welt zu vergrößern. Die Bundesrepublik wirbt um Lateinamerika, am politisch zuverlässige Freunde zu haben.

Die lateinamerikanischen Republiken, leidenschaftliche Verfechter des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, unterstützen offen und ohne Vorbehalte die Bonner Wiedervereinigungspolitik. Die deutsche Delegation konnte die ausdrückliche Bestätigung dafür mit nach Hause nehmen. Auch die endgültige Bereinigung noch schwebender Fälle bei der Rückgabe deutschen Eigentums ließ sich als Aktivum dieser Reise buchen.