Von Hermann-Peter Piwitt

Der vergangene Berliner Winter war ein Winter der Mieteinnehmer und Schriftsteller. Der Kulturkreis im Bundesverband der Industrie und die Fordstiftung hatten, soweit die dritte Strophe des Deutschlandliedes reicht, aus der langsam verödenden westdeutschen Kulturlandschaft die letzten Talente ausgelesen und, wohlbedacht mit großzügigen Stipendien und Tagesgeldern, in Marsch gesetzt.

Dazu fand sich das Heer derer ein, die auf eigene Faust den Weg an die Front hier wagten, wo das Leben angeblich noch aus erster Hand serviert wird. Es kamen Gäste aus der Schweiz, aus Österreich, Butor sprach französisch, John Steinbeck, auf der Durchreise, maulfaul, eine zu oft gestreichelte alte Dogge, kaute im Amerika-Haus an Untertreibungen, Witold Gombrowicz residierte bei „Zuntz“ und flehte von oben herab um Gegner, während der Altberliner Österreicher Franz Turnier in den „Fasanenstuben“ mit einem Brillantenkaufmann und einem Konfektionär, einem Rechtsanwalt und manchem Zufallsgast „Chikago“ spielte. Zeitweilig konnte man im Dreieck zwischen Bahnhof Zoo, Uhlandstraße und Steinplatz keine fünfzig Schritte gehen, ohne einen Kollegen zu treffen, der „selbstverständlich auf ein Bier Zeit hatte“; im Morgengrauen, nach dem fünfzehnten Klaren, wußte man es dann genau: wer inzwischen schwul, wer verrückt geworden war, wer bei dieser Schlägerei und wer bei jener Frau den kürzeren gezogen hatte.

Um es zu wiederholen: Nutznießer der Berlin-Krise waren, von Hauseigentümern und Mieteinnehmern abgesehen, in diesem Winter die Schriftsteller. Man sah junge Autoren, die jahrelang nur gesenkten Hauptes und suchenden Blicks über den Kudamm gelaufen waren, plötzlich bemüht, das Monatsgehalt eines Bauarbeiters auszugeben; vergebens mahnte Uwe Jonson, daß ein Briefträger kaum die Hälfte verdiene. Man nahm sich den Briefträger zu Herzen, aber man gedachte auch der Zeiten, als die Sechser dünn gesät waren; warum soll sich ein Künstler der sechziger Jahre nicht wie ein kleiner Bourgeois bezahlen lassen, wo sich doch die Bourgeoisie inzwischen wie die Künstler der zwanziger Jahre gebärdet?

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Soll man mehr erzählen? Man muß, um ein Unternehmen ins rechte Licht zu rücken, das in diesem Winter hier begonnen wurde, ich meine das „Literarische Colloquium Berlin“. Diese Einrichtung verdankt – außer genügenden Geldmitteln – ihr Dasein in erster Linie dem Optimismus Professor Walter Höllerers, der, angeregt durch die „Class of Creative Writing“ in Harvard, USA, es für möglich hielt, daß ein gutes Dutzend junger Autoren sich drei Monate lang viermal in der Woche unter der Leitung eines bekannten Schriftstellers zusammenfinden könne, um in Diskussionen an Hand selbstgeschriebener Texte ihre Urteilsfähigkeit und ihre Selbstkritik, ihr Mißtrauen gegenüber ihrem eigenen Ausdrucksvermögen wie gegenüber der Sprache überhaupt zu schärfen.

Es war ein Experiment, und zwar ein gewagtes, was man von den ebenso verspielten wie theoretisch überfrachteten Kunstbemühungen derer, die dieses verbrauchte Wort gewöhnlich noch für sich beanspruchen, kaum sagen kann. Es war ein Experiment, und zwar zwiefach, sowohl in Hinblick auf die Einrichtung selbst, die sich durchaus als Pleite hätte erweisen können, als auch in Hinblick auf die tägliche Arbeit, die weder auf Theorie noch auf literarische Legislative hinauszielte, sondern sich auf die Sammlung von Erfahrungen bezog, auf das Handwerk, gute Prosa zu schreiben.