HAMBURG (Kunsthalle):

„Kandinsky“

Die Ausstellung ist ebenso exzeptionell wie ihr Anlaß. Es handelt sich um die fünfzig Kandinsky-Gemälde, die von ihrem Eigentümer, der Solomon R. Guggenheim Foundation in New York, dazu bestimmt wurden, am 30. Juni in London

unter Sothebys Hammer zu kommen. Der Entschluß der Guggenheim-Stiftung, fünfzig Kandinskys zu verkaufen, hat Unruhe, Bestürzung und Kritik ausgelöst, nicht bloß im Kunsthandel, der eine Kandinsky-Baisse befürchtet. Museen pflegen sich von einem Künstler nur dann so drastisch zu trennen, wenn dessen Stern im Sinken oder schon erloschen ist. Hat die vielberufene Götterdämmerung der Abstrakten nun auch schon den obersten ihrer Götter erreicht? Müßige Spekulationen – die Guggenheim-Stiftung besitzt 170 Kandinsky-Gemälde, bei weitem mehr Bilder, als sich im Guggenheim-Museum unterbringen lassen. Der Gedanke, andere Museen und Sammler an ihrem Überfluß partizipieren zu lassen, ist vernünftig. Kein Grund, daß Kandinsky-Anhänger, nicht einmal Nina Kandinsky, sich empören. Ob es unter kunsthändlerischem Aspekt falsch oder sogar außerordentlich geschickt war, die Bilder massiert statt nach und nach, homöopathisch dosiert, auf den Markt zu bringen, wird sich am 30. Juni herausstellen. Was Sotheby wagt, ist immer schon halb gewonnen. Es haben sich bereits mehr Interessenten angesagt, als der Saal Plätze hat. Am Ende wird’s ein Geschäft – oder auch nicht. Uns interessieren die Bilder, die wir um ein Haar nicht in Deutschland zu sehen bekommen hätten. Das eine Museum winkte ab, weil es nicht noch mehr Ärger mit der streitbaren Witwe haben wollte, die seit der Münter-Affäre und ihrem Prozeß mit Buchheim Kandinsky für Deutschland gesperrt hat, wenigstens den Nachlaß. Ein anderes deutsches Museum hatte grundsätzliche Bedenken, eine Auktionsvorbesichtigung zu veranstalten – die alte abgestandene Idee vom musealen Tempel, in dem Wechsler und Händler nichts zu suchen haben. Professor Alfred Hentzen war nicht geneigt, deswegen auf Kandinsky zu verzichten. – Die Ausstellung ist keine systematisch aufgebaute Retrospektive, die Bilder verteilen sich unregelmäßig und ungleichwertig auf die einzelnen Epochen. Die frühesten Bilder sind zwei kleine Landschaften von 1902 und 1906. Für die entscheidenden Jahre der Stilwende stehen nur zwei große Improvisationen von 1914. Das nächste Bild ist 1923 datiert. Das Gros stammt aus den Bauhausjahren, aus der konstruktivistischen Zeit. Die Phantasie begibt sich unter die Disziplin der Geometrie, die Formen sind kleinteilig und feingliedrig, die Bilder sind kühl und vorwiegend heiter. Die letzten sind 1937 und 1943 entstanden. Die Ausstellung ist nur in Hamburg zu sehen bis zum 24. Mai.

BADEN-BADEN (Kunsthalle):

„Der frühe Klee“

Der zweite Teil von Dietrich Mahlows Baden-Badener Klee-Trilogie. Vor zwei Jahren war’s der „späte“, in wieder zwei Jahren soll als krönender

Schluß der mittlere Klee, sein „bildnerisches Denken“ demonstriert werden. Mahlow will den frühen Klee, der noch nie, in keinem Buch und in keiner Ausstellung, so gründlich dokumentiert wurde (über zweihundert Arbeiten sind ausgestellt, sogar die Zeichnungen des Fünfjährigen), als den Vorläufer und Wegbereiter des eigentlichen Klee verstanden wissen. Ein kontinuierlicher und womöglich konsequenter Weg soll dargetan werden, eben die Entwicklung zum bildnerischen Denken hin. Aber der junge Klee ist chaotisch, sprunghaft, heute so und morgen anders. Er malt das Porträt der Schwester in tadelloser Akademiemanier und Höllenvisagen, fein empfundene Landschaftsstudien und Mädchenakte, neben denen sich George Grosz wie ein liebenswürdiger Idylliker ausnimmt. Eine Zeitlang zeichnet er nur Satiren, Mädchen mit Puppe, weiblicher Kretin, Mann mit Drehorgel und notiert dazu: „O Satire, du Leid der Intellektuellen.“ Man hat erfolgreich nach Einflüssen gesucht: William Blake, Ensor, Odilon Redon, natürlich auch Jugendstil und die Karikatur. Aber man soll sich nicht bei den möglichen Ahnen aufhalten. Der frühe Klee (wenn er nicht gerade vor sich hinblödelt) nimmt vieles vorweg, was fünfzig Jahre später aktuell wird: Dubuffet (in dem braun und grau getuschten „Zwerg unter dem Baum“), Bacon, Wunderlich, sogar, leider, auch Schröder-Sonnenstern („Puppe an violetten Bändern“). Die „Mystische Szene“ von 1912 paßt in jede neufigurative Schau von heute. Das Frühwerk endet bei der Tunisreise, 1914. Die berühmten Tunis-Aquarelle zeigen den gewandelten Klee. „Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Sein Damaskus. „In kosmischer Heiterkeit schwebte fortan sein frommer Geist über den Dingen“, schreibt Leopold Zahn, aber der frühe Klee ist kein frommer Geist, der darüber schwebt. Er ist wild, ausschweifend, dissonant, schrecklich labil und unwiderstehlich. Die Blätter und Ölbilder kommen zum großen Teil aus dem Berner Kunstmuseum, die Hinterglasbilder werden zum erstenmal in Deutschland gezeigt. Die Ausstellung dauert bis zum 21. Juni. g. s.