Von Heinz Maegerlein

Wenn es noch eines Beweises dafür bedurft hätte, daß die Leistungen der Kunstturner des Deutschen Turnerbundes nach den Deutschen Meisterschaften dieses Jahres in Ulm stark überschätzt worden waren, so haben ihn die beiden auf Ulm folgenden Länderkämpfe gegen Japan in Stuttgart und gegen Ungarn in Hof gebracht. Mitleidlos hatte schon die Begegnung auf dem Killesberg in Stuttgart die Schwächen der deutschen Turner enthüllt, als die deutsche Mannschaft gegen den Weltmeister mit 7,40 Punkten im Kür-Sechskampf unterlag. Aber noch eindeutiger trat die tatsächliche Situation in Hof vor aller Augen, als unsere in bestmöglicher Besetzung antretende Mannschaft, also mit Philipp Fürst, Günther Lyhs, Willi Jaschek, Helmut Baum, Jürgen Birschof und Toni Schelle – auch Ersatzmann Lothar Simon turnte mit – in den sechs Pflichtübungen des olympischen Kampfes sogar gegen die gewiß schwache Mannschaft der Ungarn verlor und am Ende dieses ersten Teils des Zwölfkampfs um 0,65 Punkte zurücklag. Vielleicht wiegt sogar noch schwerer, daß es auch in der Einzelwertung weder Philipp Fürst noch Günther Lyhs gelang, in der Pflicht vor den besten Ungarn zu bleiben, denn Fürst – an diesem ersten Tag des Länderkampfes unser Besten – kam nur auf den dritten Platz hinter Ungarns Meister Raymund Czanyi und dem jungen, erst 21jährigen Aronyos. Fürst und Czanyi trennte dabei sogar fast ein voller Punkt am Ende der Pflicht. Lyhs lag nach der Pflicht sogar noch um 0,45 Punkte hinter Fürst zurück. Fürst und Lyhs aber müssen doch immerhin als die Besten des DTB gelten, und sie werden ja auch zu Recht von Adalbert Dickhut als die Stärksten für die Ausscheidung West-Ost für die Olympiamannschaft in Tokio angesehen!

Man gebe sich also besser keiner Täuschung hin: Zumindest in der Pflicht sind die Leistungen der Kunstturner der Bundesrepublik jetzt, fünf Monate vor Tokio und nur wenige Wochen vor der Ausscheidung gegen die Turner aus Leipzig und Ostberlin sehr mäßig. Es soll dabei gar nicht verschwiegen werden, daß unsere Turner manche neue Schwierigkeit in ihre Kürübungen eingebaut haben. Sie haben teilweise Übungsteile gelernt, die man ihnen eigentlich noch gar nicht zugetraut hatte. Aber wer daraus nach den Deutschen Meisterschaften zu viel Optimismus im Hinblick auf die Ost-West-Ausscheidung und auf die internationalen Kraftproben in diesen Maitagen schöpfte, muß nun feststellen, daß dieser Optimismus unbegründet war. Es haben – leider – jene Recht behalten, die gewarnt haben, die Bilder der Meisterschaftstage von Ulm zu überschätzen: so wahr es ist, daß in der Kür Fortschritte gemacht wurden, so wahr ist es doch auch, daß – natürlich! – die anderen draußen eben auch Fortschritte gemacht haben! Das klingt, und ist ja auch so einfach –, nur hat man sich öffentlich in manchem Kreis im DTB dieser Wahrheit verschlossen: im Olympiajahr aber haben eben alle große Anstrengungen gemacht, und es entscheidet nicht, daß unsere Turner Fortschritte gemacht haben, sondern einzig und allein, wie groß diese Fortschritte sind. Nach den Kämpfen gegen Japan und gegen Ungarn muß stark befürchtet werden, daß sie zu gering waren.

In Stuttgart und in Hof traten die Schwächen klar zutage: mangelnde Kondition, ungenügende Beherrschung der Pflichtübungen und erschreckende Haltungsfehler. Außer bei einigen wenigen Übungen ist nirgends der Weg von der Durchführung zur Gestaltung gegangen worden. Auch schöne Übungsteile werden „heruntergeturnt“, fast nie hat man das Gefühl, ein kleines Kunstwerk zu sehen. Und immer – und hier liegt wirklich das Hauptübel – fehlt die Kondition. Die Kraft und der Atem sind zu Ende, bevor der Abgang vom Gerät erfolgt, oder, im Bodenturnen, bevor das Schlußfeuerwerk der Flik-Flaks und des letzten Saltos beginnt. Ohne ausreichende Kondition, ohne genügende Kraftreserve bis zur letzten Sekunde aber ist natürlich auch der Weg von der Durchführung zur Gestaltung nicht zu gehen.

Woran liegt es nun, daß die Situation so wenig erfreulich ist? Sicherlich zunächst einmal an der Art des Trainings. Seit vielen Jahren weist man darauf hin, daß ein Mithalten mit den Besten im Kunstturnen nicht mit allzu kurzen und damit auch allzu strapaziösen Wochenend-Lehrgängen möglich ist – aber, von einigen Ausnahmen abgesehen, hat man noch immer daran festgehalten. Das Argument: unsere Turner sind eben wirkliche Amateure, wir können sie nicht mehrfach für Wochen aus dem Beruf herausholen. Man muß es anerkennen. Aber warum zieht man nicht die sechs bis acht Turner für einen längeren Zeitraum zusammen, beispielsweise in Frankfurt, wo die deutsche Turnschule gute Ausbildungsmöglichkeiten bietet? Wer heute irgendwo im Sport vorankommen will – und Kunstturnen ist ja die sportliche Disziplin des Turners –, muß Opfer bringen. Und wenn der DTB mithalten will, so wäre doch ganz gewiß eine Möglichkeit gewesen, wenigstens einigen der besten Turner für einen gewissen Zeitraum eine angemessene Position in Frankfurt oder der nächsten Umgebung zu verschaffen, ohne daß der berufliche Weg der Turner darunter hätte leiden müssen. Dann hätte man wenigstens täglich oder zumindest vier- bis fünfmal in der Woche am Abend gemeinsam trainieren können. So aber bleibt alles Stückwerk, wenn der Turner, was er am Wochenendlehrgang zu lernen im Begriffe war, mühselig und oft ohne ausreichende Hilfe am Gerät daheim weiterüben muß. Ja, wenn wenigstens noch Lehrfilme, Ringfilme zur Verfügung stehen würden, die der Turner mit nach Hause nehmen könnte und worauf er sich sehen könnte! Aber nicht einmal diese existieren! Dabei ist dieses gute Hilfsmittel doch längst überall im Sport im Gebrauch. Wo aber wäre es nötiger als gerade im Geräteturnen, wo kleine Fehler dem Turner oft jahrelang gar nicht bewußt werden.

In Adalbert Dickhut, dem früheren Europameister und vielfachen Deutschen Meister, steht als Lehrer für die Nationalmannschaft gewiß ein ausgezeichneter Mann zur Verfügung. Aber Dickhut ist Direktor der Deutschen Turnschule. Er hat, absolut vorrangig, ganz andere Aufgaben zu erfüllen als das Training einiger weniger zu leiten! Überall in den Nationalmannschaften der Länder stehen Trainer zur Verfügung, die keine andere Aufgabe haben, als die besten Turner olympiareif zu machen – nur bei uns, im größten Turnverband der westlichen Welt, in einem Land, das einstmals im Turnen führend war, wird es einem Mann von den Qualitäten von Adalbert Dickhut zugemutet, diese Aufgabe neben seiner eigentlichen, ungleich umfassenderen durchzuführen! Das beweist doch wohl eindeutig, trotz sicherlich durchaus ernst gemeinter gegenteiliger Beteuerungen, daß im DTB das Streben nach der großen Leistung, der Hochleistungssport also, noch immer nicht sehr hoch geschätzt wird.

Wenn der Deutsche Turnerbund gesagt hätte, oder eines Tages sagen würde, wir tun international nicht mehr mit, die Leistungen an den Geräten sind so hoch gestiegen, daß sie nur mehr von Turnartisten gemeistert werden können – und tatsächlich ist der Turnkünstler am Gerät, also der nicht roboterhaft turnende, sondern der Übungen ersinnende Turner sehr selten geworden –, dann hätte man darüber vielleicht traurig sein können, weil der internationale Kampf doch immer ein belebendes Element für jeden Sport bleiben wird, aber man könnte doch auch Verständnis für diese Auffassung aufbringen, wenn man daran denkt, welche große Aufgaben in einer Zeit der immer mehr um sich greifenden Automation und Mechanisierung ein großer Verband für Leibesübungen zu erfüllen hat. Was uns betrübt, ist also nicht so sehr, daß unsere Turner ohne jegliche Aussicht auf auch nur annehmbare Plätze nach Tokio fahren werden – sofern überhaupt einige die schwere Ausscheidung überstehen, sondern daß wieder, wie vor zwei Jahren vor den Weltmeisterschaften in Prag, Halbheiten gemacht worden sind. Man hat damals in der Führung des DTB energische Schritte versprochen, man hat zugegeben, daß man Fehler und Nachlässigkeiten bei der Vorbereitung begangen hat, und man muß heute nüchtern feststellen, daß sich nur wenig geändert hat. Auf jeden Fall hat sich nicht genug geändert – die Vorbereitungen reichen wieder nicht aus.

Bedauern muß man die Turner selbst, die, jeder für sich, große Anstrengungen gemacht haben. Es fehlt weder an ihrer Einsicht noch an der Einsicht der Verantwortlichen in das, was hätte getan werden müssen. Aber man hat nicht das Fazit aus diesen Einsichten gezogen. Man hat, mit zweifellos größerer Anstrengung, weitergearbeitet wie vorher. Man hat sich mehrfach – Gespräche, die wir immer mal geführt haben, bestätigten es – sogar in stiller Stunde eingestanden, daß das zu wenig war. Aber man hat nicht neue Wege beschritten, wie es notwendig gewesen wäre. Schade. Denn eigentlich hätten doch die Turn-Weltmeisterschaften vor zwei Jahren in Prag eine deutliche Warnung geben müssen; schließlich lagen ja damals in der Nationenwertung nur mehr vier Länder hinter uns – vier von der turnerischen Größenordnung der Vereinigten Arabischen Republik! Wir haben damals auch an ein Aufwachen, an eine Wende geglaubt. Aber wenn nicht einmal dieses beschämende Resultat von Prag aufgerüttelt hat, wie wir jetzt im Olympiajahr sehen müssen, dann hält es schwer zu glauben, daß es überhaupt wieder einmal anders wird. Man mißverstehe uns nicht: Es ist im größeren Zusammenhang gesehen, absolut unwichtig, ob unsere Turner-Nationalmannschaft an vierter oder fünfter oder aber an fünfzehnter Stelle in der Welt steht. Der DTB hat ja tatsächlich im Turnen des Alltags eine ungleich größere Aufgabe zu erfüllen. Aber Halbheiten sind immer schlecht. Und das große Beispiel hat ja zu allen Zeiten eine starke Anziehungskraft auf junge Menschen ausgeübt. Man sollte es auch, so meinen wir, im DTB nicht vergessen!