Die Sache mit dem Küken und dem Stein

Von Hansjakob Stehle

Warum kann sich ein Ei in ein Küken verwandeln, und warum kann das ein Stein nicht?" – Über dieser wunderlichen Frage brütete ein Chinese namens Mao Tse-tung im Jahre 1937, und die eine Frage zog die andere nach sich: "Warum gibt es zwischen Krieg und Frieden eine wechselseitige Verbindung, nicht aber zwischen Krieg und Stein?" Mit Hilfe der deutschen Philosophen Hegel und Marx und mit dem Beistand ihres Schülers Lenin fand der Chinese die dialektische Antwort: "Es handelt sich da um die Einheit der Gegensätze, die nur unter bestimmten Bedingungen möglich ist." Damit allerdings, läßt sich – nimmt man die Idee als politisches Rezept – sogar allerlei anstellen!

Es sieht so aus, als ob die chinesischen Kommunisten dieses Rezept seit einiger Zeit auch auf das geteilte Deutschland anwenden. Nur so nämlich läßt sich das seltsame Schattengefecht erklären, das seit einiger Zeit zwischen Ulbrichts SED und Peking entbrannt ist. Es begann beim Parteitag der SED, Anfang letzten Jahres, da Ulbricht als Rufer im Streit gegen die Chinesen auftrat – und das, obwohl der chinesische Abgesandte Wu Hsiu-tjüan versichert hatte, China werde im Kampf der DDR gegen Westdeutschland, für einen Friedensvertrag und die "Lösung der Westberlinfrage" immer an der Seite Ostberlins stehen. Anfang September 1963 lösten die Chinesen diese Zusage auf ihre Art ein. Sie warfen den sowjetischen Führern in einem Atemzuge vor: "Für sie bedeuten die internationale Position der DDR und die territoriale Integrität Chinas gar nichts."

Bundesgenossen der Revanchisten?

Mit noch größerem Eifer indes stürzte sich die SED in den folgenden Monaten bei jeder Gelegenheit in die antichinesische Kampagne. Sie gipfelte in der Rede des Politbüro-Mitglieds Hermann Matern, die er am 22. April bei der Lenin-Geburtstagsfeier hielt. Matern servierte seinen überraschten Zuhörern ganz neue "Nachrichten": "Die chinesischen Parteiführer verlangen als Kaufpreis ihrer Freundschaft zur DDR, daß die SED die Politik der unverbrüchlichen Freundschaft mit der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern aufgibt... Dem chinesischen Rezept nach müßten die deutschen Militaristen und Revanchisten die Bundesgenossen der DDR sein." Die Empfehlung der Chinesen laufe "auf die völlige Preisgabe der DDR als westlicher Vorposten des sozialistischen Weltsystems in Europa hinaus", es sei "eine Neuauflage der Deutschland-Politik der Berija-Clique" (von der Ulbricht im März 1963 verraten hatte, sie habe auf den Aufbau des Sozialismus in der DDR verzichten wollen).

Die Sätze Materns waren zwar in der "Berliner Zeitung" (Ost) zu lesen, das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" verzichtete jedoch auf ihre Wiedergabe. Nicht, ohne Grund, denn an Materns Behauptungen war kein wahres Wort. Noch am 4. April hatte das Pekinger Parteiorgan "Jen Min Jih-pao" die Bonner Politik gegenüber der DDR und zur Oder-Neiße-Grenze als "Traum von Irren" gescholten – freilich nicht ohne den boshaften Hinweis, das (von China abgelehnte) Moskauer Atomstopp-Abkommen habe den Amerikanern Gelegenheit geboten, "die Existenz der DDR zu leugnen und die Bonner Regierung als einzigen legalen Vertreter Gesamtdeutschlands zu betrachten". Am 10. April – zwei Wochen vor der Rede Materns – hatte der chinesische Staatspräsident Liu Schao-tschi den neu ernannten DDR-Botschafter Gunter Kohrt empfangen und ihm erklärt, China unterstütze die "korrekte Haltung der DDR-Regierung im Streben nach Abschluß eines deutschen Friedensvertrages und nach Normalisierung der Lage in Westberlin auf dieser Grundlage". Am 16. April war "Jen Min Jih-pao" noch einmal auf das Thema zurückgekommen und hatte gegen die "schamlosen Ansprüche der Bonner Revanchisten" polemisiert. Was also steckte hinter Materns Unterstellungen?