In München gibt es seit dem Tode des Komponisten Karl Amadeus Hartmann, der die Musica-viva-Konzerte ins Leben gerufen und sie zu einer festen Institution im Musikleben der bayerischen Landeshauptstadt zu machen verstanden hatte, ein von Monat zu Monat erregteres Rätselraten um die Weiterführung dieser Veranstaltungen. Ihre Existenzbasis ist nicht allein durch den Ausfall des rührigen bisherigen Betreuers merkbar angeschlagen worden, sondern mehr noch dadurch, daß die frühere Zusammenarbeit des Bayerischen Rundfunks mit der Bayerischen Staatsoper nicht weiter bestehen soll. Auch wurden, nachdem sich erwiesen hatte, daß die Meinungen der Interessenten über die wünschenswerten Eigenschaften eines Nachfolgers für Hartmann so leicht nicht auf einen Nenner zu bringen waren, schon Stimmen laut, die zu bedenken gaben, ob es überhaupt möglich und notwendig sei, die Konzerte in der bisherigen Weise fortzuführen. Diese Frage verdient nun in der Tat einige Überlegung.

Unter „Musica viva“, zu deutsch: „Lebendige Musik“, versteht man ja kurioserweise heute vornehmlich solche Musik, die nicht in selbstverständlicher Art vom Interesse der ausübenden Künstler und der Öffentlichkeit getragen wird, sondern die besonderer Anstrengungen bedarf, um „durchgesetzt“ zu werden. Wenn nun aber festzustellen wäre, daß diese Anstrengungen, manifestiert in eben jenen Musica-viva-Konzerten, nicht bewirken konnten, daß die propagierten Erzeugnisse dem normalen Musikleben einverleibt und somit wirklich „lebendige“ Musik wurden, so erscheint es zweifelhaft, ob der beträchtliche Aufwand sich wirklich gelohnt hat. Denn daß der Programmanteil ohnehin anerkannter Werke, denen in den letzten Jahren mehr Raum gegeben wurde als früher, nicht den „Zweck der Übung“ darstellte, versteht sich.

Man könnte freilich sagen: die „Musica viva“ sah ihren Sinn darin, den in das normale Musikleben nicht aufgenommenen – noch nicht aufgenommenen – Arbeiten eine Chance zu geben. Das läßt sich hören.

Doch ergäbe sich daraus wiederum eine Frage. Nämlich die nach dem Anspruch auf eine derart aufwendige Chancenvermittlung. Denn es handelte sich dabei nicht um irgendeine, vielleicht nur bescheidene Chance. Vielmehr um eine Chance von eindrucksvollster Bemerkbarkeit. Es kamen hier immer nur „erste“ Interpreten – Dirigenten, Orchester, Solisten – in Betracht, und geprobt wurde mit einer Gründlichkeit und einer Freigebigkeit an Probenzeit, wie es in keinem anderen Rahmen heutzutage noch üblich oder auch nur möglich ist. Es war also jedesmal eine Chance aus dem vollen, eine viel größere Chance, als sie den weitaus meisten außerhalb dieses Rahmens etwa ur- oder erstaufgeführten Musikwerken geboten wird. Man könnte sich fragen, warum solche Bevorzugung nicht den qualifizierbaren Produktionen sämtlicher Richtungen zeitgenössischer Musik zugebilligt werden sollte. Der höchstbegabte Münchner Komponist jüngerer Generation, Wilhelm Killmayer, zum Beispiel ist in der „Musica viva“ nicht ein einziges Mal zu Wort gekommen. Hatte er keinen Anspruch auf die gleiche Chance?

Eine Chancen-Veranstaltungsstelle, wie sie die Leitung der Musica-viva-Konzerte nun einmal darstellt, müßte von einem Manne verantwortet werden, der damit keinerlei Verdächtigungen ausgesetzt wäre. Nicht’jeder steht „turmhoch über jedem Zweifel“ bezüglich der Zugänglichkeit oder Unzugänglichkeit für menschliche Verhaltungsweisen. Nicht jeder Musikkenner ist zugleich ein moralischer Übermensch.

Die unentschiedene Situation sollte dazu einladen, eine Entscheidung grundsätzlicher Art zu treffen. „Hier fragt sich’s nach der Kunst allein.“ Will sagen: nach der kulturellen Rechtfertigung der Planung im großen und ganzen unseres gegenwärtigen Musiklebens. a – th