Werden eines Tages Soldaten der Bundeswehr als „Militärberater“ in Südvietnam eingesetzt? Die Bundesregierung will den USA helfet, den „kleinen schmutzigen Krieg“ gegen die Vietcong zu gewinnen, zunächst nur technisch und wirtschaftlich. (Bisherige Entwicklungshilfe: 45 Millionen Maik.) Ein Ersuchen um Militärhilfe, die Bonn auch anderen Staaten in Afrika und Asien gewährt, ist jedoch fernerhin möglich.

US-Außenminister Dean Rusk hatte außer Bonn noch 24 andere Regierungen der westlichen Welt um Solidarität für Südvietnam gebeten. Benötigt werden Lebensmittel, Medikamente, Ärzte, technische Experten, Warenkredite, Maschinen und – militärische Ausbilder. Washington setzt seine Hoffnungen besonders auf die Deutschen, Briten, Italiener, Japaner, Australier und Philipinos. Die Holländer zeigten Rusk die kalte Schulter. Sie haben es noch nicht verwunden, daß sie bei der Verteidigung ihrer Kolonien in Südostasien von den USA im Stich gelassen wurden.

Zur selben Zeit, als Dean Rusk im Haag an das Gewissen der NATO-Partner appellierte und US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara in Bonn anklopfte, versicherte der südvietnamesische Staatschef General Nguyen Khanh in Saigon, die Wirtschafts- und Militärhilfe der USA sei ausreichend. Und im gewissen Widerspruch dazu: „Wir würden jede Hilfe von freien Nationen begrüßen.“ Was Khanh tatsächlich braucht, ist eine psychologische Aufmunterung. Washingtons Appel jedoch verfolgt noch andere Zwecke: erstens einen Gegenschlag gegen de Gaulles „defätistische“ Neutralitätspolitik in Indochina und zweitens eine bessere Wahlkampfposition für die Demokraten.

Seit die amerikanischen Verluste in Vietnam erheblich ansteigen, mehren sich die kritischen Stimmen im Lande. Zehn Jahre nach dem Fall der „Festung“ Dienbienphu drohen die Kommunisten in Vietnam den Amerikanern eine Schlappe beizubringen wie damals den Franzosen, die ihren „schmutzigen Krieg“ mit 40 Milliarden Mark und 106 000 Menschenleben bezahlten. Die USA bringen täglich sechs Millionen Mark auf und hatten bisher etwa 150 Tote zu beklagen.

Zwar sprach Amerikas höchster Offiziert, General Maxwell Taylor, von „ermutigenden Berichten“. Die Stimmung an der Front gibt indes ein Brief Captain Edwin G. Shanks besser wieder, der kurz vor seinem „Heldentod“ in Vietnam an seine Frau in Indiana schrieb: „Ich tue mein Bestes für mein Vaterland – aber mein Vaterland tut nichts für mich oder meine Kameraden oder gar für sich selbst. Hier wird, dessen bin ich sicher, bis zu den Wahlen in den USA nichts geschehen.“

Einiges immerhin geschieht: US-General Harkins, Oberbefehlshaber in Vietnam, wird durch den baumlangen Generalleutnant William C. Westmoreland ersetzt. Verteidigungsminister McNamara flog von Bonn aus zum fünftenmal binnen zwei Jahren nach Saigon. Erst vor sechs Wochen war er das letztemal dort. Kurz vor seiner Ankunft wurde ein Partisanenanschlag auf McNamara aufgedeckt: Er sollte mit einer Brücke in die Luft fliegen. Die „New York Herald Tribune“ meinte nachdenklich: „Mit jeder Reise McNamaras scheint sich die militärische und politische Lage zu verschlechtern. Die schlechte Lage ist keine Folge der Reise, sondern sie hat die Reise zur Folge.“