Von Walther Weber

Vor nunmehr fünfzehn Monaten lieferte Deutschlands zweitgrößter Versandhändler nicht nur täglich Tausende von Paketen an seine Katalogkunden, sondern auch Schlagzeilen für die Wirtschaftspresse. „Beteiligen sich die Amerikaner bei Neckermann?“ „Warum helfen die Hausbanken dem dynamischen Unternehmer nicht, wenn er Geld braucht?“

Erinnern wir uns: Damals suchte das junge Unternehmen dringend neue Finanzmittel, weil der stille Teilhaber, die Flick-Gruppe, seine Beteiligung aufgeben wollte und die Schuldenlast des sich stürmisch ausdehnenden Unternehmens mindestens so hektisch zugenommen hatte wie der Umsatz. Erst nach zwölfmonatigen Verhandlungen hatten die zähen Verhandlungen Josef Neckermanns Erfolg: Eines der bedeutendsten Finanzhäuser der Welt, die Morgan Trust Company, New York, hatte sich zu einer Finanzhilfe bereitgefunden, die deutschen Bankiers und Kaufhausexperten nicht tragbar erschien, weil sie keinen Einfluß auf die Geschäftsführung versprach: Die Umwandlung der KG in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien und die Erhöhung des Kapitals um 30 auf 85 Millionen Mark, vor allem durch die Placierung von Aktien im Ausland.

Neckermann blieb auf diese Weise nicht nur Herr im Haus. Ihm gelang es auch, „dank seines Freundes“ Möllemann seinen Anteil von nur 34 Prozent am alten Kapital von 55 Millionen Mark – die übrigen 66 Prozent lagen bei er Flick-Holding – auf fast 52 Prozent am erhöhten Grundkapital von 85 Millionen Mark zu steigern.

Das war die Situation vor Jahresfrist. Wie präsentiert sich das Unternehmen heute?

Lassen wir zunächst kurz die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse sprechen. „Neckermann weiter auf dem Weg zur Konsolidierung“, notiert die Frankfurter Allgemeine. „Neckermann mit etwas besserer Rendite“ und „Das erste Jahr als KGaA brachte ein überzeugendes Ergebnis“, meldet das Handelsblatt, während Die Welt nüchtern registriert: „Neckermann will noch mehr Kaufhäuser bauen. Das Ladengeschäft übertrifft bereits den Umsatz im Versandhandel!“ Kurz faßt sich der Industriekurier: „Neckermann expandiert und konsolidiert.“ Tatsächlich trifft diese Überschrift die Entwicklung des Versand- und Kaufhausunternehmens im Jahr 1963 wohl am besten.

Trotz aller Bemühungen um eine finanzielle Festigung hat Neckermann nichts unterlassen, um die Geschäfte weiter auszudehnen. Um 11 Prozent wuchs der Gesamtumsatz auf 804 Millionen Mark. Das ist zwar beträchtlich weniger als im Jahr zuvor, als eine Steigerungsrate von 25 Prozent erreicht werden konnte, aber immerhin beträchtlich mehr als im Durchschnitt des Einzelhandels mit 3 Prozent erzielt wurde. In den 24 Kaufhäusern, den beiden Lebensmittelsupermärkten und den 61 Verkaufsstellen lag die Zuwachsrate mit 13 (12) Prozent noch darüber. Da jedoch fast die Hälfte davon, nämlich 6 Prozent des Wachstums, den neueröffneten Geschäften zu danken sind, verbleibt ein echter Zuwachs von 7 Prozent, der etwa der Verkaufssteigerung bei „reinen“ Kaufhäusern entspricht.