Wilhelm Hennis: Politik und praktische Philosophie. Eine Studie zur Rekonstruktion der politischen Wissenschaft; Hermann Luchterhand-Verlag, Neuwied, 131 Seiten, 12,50 DM.

Die Auffassung, Politik sei ein Teil der Philosophie, war früheren Jahrhunderten bis in den Positivismus hinein selbstverständlich. Erst die im Zuge der modernen Arbeitsteilung erfolgende Spezialisierung der Wissenschaften, der wir die technischen Grundlagen des zwanzigsten Jahrhunderts verdanken, hat die Politik von der Philosophie abgetrennt. Wilhelm Hennis geht diesem Ablösungsprozeß nach, weil er findet, daß die politische Wissenschaft, wie sie sich heute darstellt, den Zusammenhang aus dem Auge verloren habe, dem sie verpflichtet ist. Hennis betrachtet Politik, wie Edmund Burke, als praktische Wissenschaft, aber als eine Wissenschaft, die doch der praktischen Philosophie nicht entraten kann, aus der sie hervorgegangen ist.

Indem sie nämlich den Zusammenhang vergißt, in dem sie steht, verliert sie auch das Bewußtsein von der Relativität ihrer Begriffe. Den Anfang dieser Loslösung findet der Autor bei Machiavelli, dessen scharfen Blick für das Phänomen der Macht er dafür verantwortlich erklärt, daß die Macht im Denken über Politik zu viel Platz einnimmt, und daß gerade unter dem Namen eines politischen Realismus die größere Realität des Politischen verfehlt wird. Hennis glaubt, daß deshalb die Politologie heute hauptsächlich eine Statistik von Machtlagen sei, was er deshalb bedauert, weil eine solche Betrachtungsweise – wie er richtig bemerkt – die gegenwärtige Situation verfehlt.

„Wenn sich das Politische auf die Art und Weise des menschlichen Zusammenlebens bezieht, so ist jedenfalls kaum daran zu zweifeln, daß weder die überkommenen Nationalstaaten noch die Klassenschichtung heute als die eigentlichen Determinanten des Modus des Zusammenlebens empfunden werden. Die Abwertung der Nationen ist nicht nur eine geistig-emotionale, sondern auch eine kausale. Für die Lebensweise des durchschnittlichen Bürgers einer der Nationen der westlichen Gemeinschaft ist es zwar nicht gleichgültig, aber doch auch nicht fundamental, ob er als Schweizer, Engländer oder Kanadier geboren wird. Der Schutz gegen Gefahren von außen ist überall gleich groß oder gering. Das Maß politischer Freiheit kennt kaum Differenzierungen. Nicht die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Nation, sondern der Charakter der Herrschaft bestimmt den Charakter der zeitgenössischen politischen Gemeinwesen und das politische Schicksal der Menschen in ihnen. Das verschiedene Schicksal der Deutschen in Ost- und Westdeutschland zeig: dies mit schneidender Eindringlichkeit. Nicht die Nation, sondern die Herrschaftsweise ist wieder die zentrale politische Kategorie, ganz wie es bis ins 18. Jahrhundert der Fall war.“

Es geht also um den Erkenntniswert dieser Wissenschaft überhaupt, wenn der Autor darauf dringt, ihr den philosophischen Rang zurückzugeben.

Damit unternimmt Hennis nach Voegelin und Leo Strauß den interessantesten Versuch, die Politik-Wissenschaft auf ein Niveau zu heben, von dem aus sie die übergeordneten Fragen für unsere Zeit beantworten kann. Selbstverständlich muß er dabei einen Begriff von Gemeinwohl voraussetzen, der nicht weiter diskutiert wird. Im Grunde hat er auch eine bestimmte Moral an den Anfang seines Nachdenkens gesetzt. Nur von dort aus wird die treffende sensible Kritik verständlich, mit der er etwa das staats- und verwaltungsrechtliche Schrifttum von Schmitt und Forsthoff und anderen bloßstellt. Er bekennt, daß die politische Wissenschaft in der uns umgebenden politischen Wirklichkeit das Wichtigste nur dann erkennen kann, wenn sie sich von der Zwangsvorstellung löst, frei von Werturteilen sein zu müssen. Nicht nur in der Darstellung der Willensbildung, auch nicht bloß im Räsonieren über die Macht, sondern im Sittlich-Moralischen wird das politische Nachdenken fruchtbar.

Mit Recht beklagt der Autor, daß allzu häufig die Frage der Wertsetzung akademischen Festreden vorbehalten bleibt, während die Wissenschaftler so tun, als spiele sie in ihrem Forschen keine Rolle. Der Gewinn, den man von Hennis ziehen kann, liegt in der Entwicklung seiner Argumentation aus der Wissenschaftsgeschichte.