Von Marcel Reich-Ranicki

Dieser neue Sammelband war nicht überflüssig. Allerdings wird sich wohl enttäuscht sehen, wer die hier gebotenen Bekenntnisse und Reflexionen einer Anzahl namhafter deutscher Autoren als schriftstellerische Leistungen betrachten und werten möchte. In dieser Hinsicht ist die Ausbeute spärlich: Die Verfasser der meisten Beiträge scheinen etwas rasch gearbeitet zu haben.

Aber sie waren nicht um essayistische Untersuchungen gebeten worden, sondern um Auskünfte. Und an diesen mangelt es nicht – nur daß sie oft im Text verborgen sind oder gar gegen den Willen des Autors herausgelesen werden müssen. So ergeben die verschiedenen Äußerungen eine eigentümliche Dokumentation, der man allerlei über unsere Schriftsteller und unser literarisches Leben entnehmen kann –

„Schwierigkeiten heute die Wahrheit zu schreiben“ – Eine Frage und einundzwanzig Antworten, herausgegeben von Heinz Friedrich; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 191 S., 14,80 DM.

Die Frage, die Heinz Friedrich gestellt hat, lautete: „Welchen Schwierigkeiten sehen Sie sich gegenüber bei dem Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben?“ Der Akzent liegt auf den Worten „Sie“ und „heute“. Die Autoren sollten also über ihre eigenen und aktuellen Erfahrungen berichten.

Überdies hat der Herausgeber den Sinn seiner Frage eindeutig erläutert: „Wir leben in einer freien Welt. Aber ist diese Welt wirklich frei? Birgt sie Tabus, die heute ein Schriftsteller, will er Erfolg haben, beachten muß? ... Und hat er die Möglichkeit, die von ihm erkannte und bekannte Wahrheit ohne Schwierigkeit niederzuschreiben und zu veröffentlichen?“

Die Antworten beweisen zunächst einmal, daß deutsche Schriftsteller große Schwierigkeiten haben, sich über ihre Schwierigkeiten mit der Wahrheit zu äußern.