Ich kenne niemanden, der einmal über Bern hinaus dem Genfer See oder dem Rhônetal entgegengefahren ist und auf den die liebliche Vorgebirgslandschaft östlich der Linie Freiburg–Bulle keinen Eindruck gemacht hätte. Sanfte, nur teilweise bewaldete Buckel und Mugel, langgestreckte, wohlgerundete Höhenzüge, dahinter ein paar Felsberge. Vor allem aber: Wiesen, Weiden, Alm. Kein Wunder, daß aus dieser Gegend der – neben dem Emmentaler – beste Käse der Schweiz stammt. Denn der weltberühmte Gruyeres-Käse kommt aus dem Greyerzer Umland, das von dem Flüßchen Saane durchflössen wird.

Trotzdem ist der Kanton Fribourg – nach schweizerischen Verhältnissen gemessen – ein unterentwickeltes Gebiet, dies, obwohl er nicht einmal ein ausgesprochener Gebirgskanton ist. Zwar ist sein höchster Gipfel, der Van-il-Noir, an die 2400 Meter hoch, und auch andere Berge nördlich und südlich des Jaunpasses ragen zwei- bis dreihundert Meter über die 2000-Meter-Grenze hinaus. Doch der größte Teil des Kantons ist welliges Mittelland, ohne nennenswerte Industrie, ohne intensive Landwirtschaft und auch noch ohne – was die Anmut der Landschaft eigentlich nahelegte – Fremdenverkehr. Der gute Käse allein tut’s eben auch nicht. Außerdem existieren heutzutage auf einem Alpgebiet, in dem früher siebzig Käsealpen „in Betrieb“ waren, gerade noch vierzehn.

Unter diesen Umständen scheint es verwunderlich zu sein, daß dieses Gebirgsland zwischen Jaunpaß und Lac de Gruyères nicht schon früher für den Fremdenverkehr entdeckt worden ist – gibt’s hier doch ideale Skimugel, kaum besuchte Gipfel, rassige Grasberge in Hülle und Fülle: Ein Wander- und Erholungsgebiet von geradezu idealem Zuschnitt. Und das alles in nächster Nähe von Großstädten: denn Freiburg liegt dreißig Kilometer, Lausanne etwa deren 45 von Gruyeres und Molèson-Village entfernt.

Indessen, man ist jetzt auch hier „drauf gekommen“. Seit dem Sommer 1962 arbeiten Bauunternehmer und Seilbahnkonstrukteure zu Füßen des 2000 Meter hohen Molèson an einem gigantischen Projekt, das in der Art seiner Planung, in der Weise seiner Ausführung und in seinem künftigen Erscheinungsbild wegweisend sein wird für ähnliche Unternehmungen im weiten Alpengebiet. Als ein „Experiment für Europa“ wird das hier im Entstehen befindliche Moleson-Village über die Grenzen der Schweiz hinaus Aufmerksamkeit erregen.

Hier, am Molèson, ist alles der privaten Initiative überlassen. Daß es trotzdem klappt und vorwärtsgeht, klingt heutzutage beinahe unglaubhaft. Wo vor knapp zwei Jahren lediglich Saumpfade zu den wenigen noch verbliebenen Käsealpen dieser Gegend leiteten, führt heute bereits eine sechs Meter breite und vier Kilometer lange geteerte Autostraße bis unmittelbar vor die Talstation der beiden Gondelbahnen. Von 1100 Meter Meereshöhe ausgehend, schwingt sich die eine hinauf zur Vudalla (1660 Meter), die andere endet vorerst auf dem gegenüberliegenden Plan-Francey (1520 Meter). Von hier aus wird demnächst eine zweite Sektion der Seilbahn bis unmittelbar unter den Molèson-Gipfel hinaufziehen.

Durch diese Gondelbahnen, zu denen noch drei große und ein paar kleinere Schlepp- und Sessellifte kommen, wird ein bisher kaum begangenes, noch weithin unbekanntes Terrain erschlossen, dessen Qualität der des benachbarten Ski- und Wandergebiets von Château d’Oex, Saunen und Gstaad durchaus gleichkommt und vergleichsweise etwa dem Bergland von Kitzbühel entspricht. Daß die Bergstationen jeweils auch als Gaststätten und geräumige Unterkunftshäuser ausgebaut und zum Teil bereits als raffiniert ausgeklügelte Selbstbedienungsrestaurants eingerichtet sind, versteht sich in Moléson-Village eigentlich von selbst.

Doch alles das ist nur die erste Station auf dem Wege zum vielseitigen Wintersportzentrum. Das Feriendorf, bei dessen Bau Rücksicht auf landschaftliche Gegebenheiten und Schönheiten genommen wird, soll etwa 3000 Betten in Hotels verschiedener Kategorien, in Ferienhäusern und Chalets umfassen. Die Zonen des möglichen Lärms und der Erholung werden streng voneinander getrennt gehalten. Freilich werden sich die Baulustigen, was die äußere Gestalt ihrer Häusden angeht, an bereits ausgearbeitete und in einem Architektenwettbewerb prämiierte Vorlagen zu halten haben. Doch braucht hier keine Bücksicht auf eine bodenständige Bauweise genommen zu werden – es gibt sie hier nicht.