Von Horst Hachmann

Wer es bis jetzt noch nicht wußte, erfuhr es in der vergangenen Woche in Deutschlands größtem und elegantestem Hotelpalast: Die Männer der Bundesrepublik sind eine Schande für die ganze Nation. Die Bügelfalte unseres äußeren Aussehens sitzt schief. Und weil das so ist, haben wir offensichtlich überall Mißerfolge: in der Politik, in der Kultur, auf dem gesellschaftlichen Parkett. Dies nahm die erstaunte Weltöffentlichkeit auf einer Veranstaltung von „interkontinentaler“ Bedeutung zur Kenntnis. Das Deutsche Modeinstitut in München kreierte nämlich bei Orangensaft und kaltem Büfett den „Neuen Stil“ der deutschen Herrenmode, der mit einem Schlage unserem in der Vergangenheit so sehr ramponierten Selbstbewußtsein mit einem exklusiven Kammgarnkorsett wieder eine echte und würdige Stütze verleiht.

Deutschlands Herrenschneider hatten ihre würdigsten Vertreter nach Frankfurt delegiert. Einer ihrer Sprecher, Willi Stäben aus Hamburg, machte, während seine Kollegen maßgeschneidert über den Laufsteg defilierten, kundige Bemerkungen über aktuelle Gegenwartsprobleme. So übte er auch heftige Kritik am deutschen Film und gab die lang erwartete Aufklärung darüber, warum sich unsere Stars so wenig ins rechte Licht setzen können. Unsere Kinomimen – und dazu die Prominenten vom Fernsehen – seien nämlich allesamt miserabel angezogen. Sie sollten viel öfter zum Schneider gehen. Und wenn man Herrn Stäben Glauben schenkt, dann gibt es überhaupt nur einen knitterfreien Repräsentanten unseres Landes. Er heißt Curd Jürgens. An ihm allein findet man das Beschwingte, das der deutsche Mann so schmerzlich vermissen läßt.

Deutschlands Star-Tailleure hatten schon vor dem festlichen Vormittag ihre wohlmeinenden Absichten auf einen knappen Nenner gebracht. Sie wollten mit ihrer exklusiven Textilschau zeigen, wie der Mann in der Zukunft angezogen sein wird. Denn gut gekleidet zu sein ist nach ihrer Ansicht von geradezu lebensentscheidender Wichkeit. Schöne Kleidung ist nämlich nicht nur ein netter, ein gefälliger Anblick. Sie ist viel mehr. Sie ist ein Symbol der Macht, des glücklichen Gelingens, der Zugehörigkeit zu den Erfolgreichen. Schlechte Kleidung bedeutet in der sinnfälligen Welt etwas Negatives, sozusagen ein Unglück. So stand es auf der Einladungskarte zu lesen, mit der man zur Weltpremiere des „Neuen Stils“ bat.

„Das Lebensgefühl unserer Zeit fordert eine bewußt schmale, schlanke und damit gestreckte Silhouette. Der Anzug will den Mann in einer betont jugendlichen Haltung zeigen, die ungezwungen, natürlich und leger ist. Es handelt sich dabei um einen internationalen Stil, der gerade für den Herrn in den mittleren Jahren vorteilhaft ist und mit Erfolg getragen werden kann“ – so heißt es in der Gebrauchsanweisung, die den Premierengästen bei dieser Frankfurter Moderevolution in die Hand gedrückt wurde.

Der wortgewandte Herrenschneidermeister Paul Heicappell aus Duisburg erläuterte die „absolute Notwendigkeit“, die den „Neuen Stil“ entstehen ließ. Er berief sich auf die Jugend, die er zum Kronzeugen seiner Argumentation machte. Diese Jugend sei nicht nur strahlendes und umworbenes Objekt der Werbemanager, sie werde auch beneidet, weil sie immer größer werde. Also möchte auch der Ältere, den die Natur offensichtlich noch benachteiligt hat, größer erscheinen. Und da der „Neue Stil“ zugleich ein revolutionärer ist, hält er auch das Patentrezept zu dieser anatomischen Korrektur parat. In der Fachsprache der Schneider hört sich diese zukünftige Strecktherapie so an:

„Die modische Linie verlangt vor allem stärkere Taillierung und die schmale, gut ausgearbeitete Schulter. Brust und Rücken liegen näher als bisher am Körper. Der Sakko hat also an salopper Fülle eingebüßt, ohne darum eng zu wirken. Die Tendenz zur taillierten Form wird durch mäßige Lockerung von der Hüfte zum Saum unterstützt. Die Taille, der Schließknopf und die Taschen liegen höher und betonen damit eine gewollt gestreckte Linienführung. Weitere Merkmale sind schmale, gut ausgearbeitete Schultern, der am Hals etwas ansteigende Kragen, der beim Straßenanzug knapp gerundete und beim Nachmittagsanzug leicht überhöhte Ansatz der Ärmel. Die Sakkos werden vorzugsweise mit zwei langen Seitenschlitzen versehen, die bis zur Taschenhöhe reichen.“