Am 4. Mai ertönte in Genf der Gong zur ersten Runde im Kampf um die Liberalisierung der Weltwirtschaft. Doch die Gegner waren für die Auseinandersetzung noch nicht fit. Sowohl die USA als auch der Gemeinsame Markt kletterten nach einem zweieinhalbtägigen Scheingefecht auf Ministerebene etwas groggy wieder aus dem Ring. Mit einem Lippenbekenntnis zur „gemeinsamen guten Sache“ und einem dreiseitigen Kommuniqué wollten sie die Tatsache verbergen, daß die „Kennedy-Runde“ in einen Engpaß geraten ist.

Die Hoffnungen, daß sie daraus vor 1966 wieder hervorkommen werden, sind recht spärlich. Die revolutionäre neue Idee der Kennedy-Runde war die lineare Zollsenkung. Zollsenkungen hatte es bisher innerhalb des allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) bereits in großem Umfang gegeben. Während des siebzehnjährigen Bestehens des GATT wurden in bilateralen Verhandlungen die Zölle für einige Tausend Produkte gesenkt. Doch die Erweiterung der Märkte, dem Entstehen neuer Länder, kurz, der Veränderung der weltwirtschaftlichen Lage, wird diesem produktweisen Schachern nicht mehr gerecht.

Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker meinte dazu: „Eine neue Methodik der Zollverhandlungen ist notwendig. Eine gewisse Automatik muß an die Stelle der Produkt-für-Produkt-Verhandlungen treten.“

Diese neue Methodik glaubte Präsident Kennedy in den von ihm vorgeschlagenen Zollverhandlungen gefunden zu haben. Sie sollten sich mit Zollsenkungen auf allen Gebieten – Industrie, Landwirtschaft und Grundprodukte – befassen. Im ganzen sollten 80 Prozent des Welthandels erfaßt werden, die einen jährlichen Wert von 150 Milliarden Dollar darstellen.

Doch gerade die Forderung nach linearen, fünfzigprozentigen Zollsenkungen brachte die Vorbereitungsarbeiten, die durch das Ministertreffen vom Mai 1963 eingeleitet wurden, ins Stocken. Der Gemeinsame Markt errechnete, daß infolge der Senkung und Angleichung, die seine Zölle bereits erfahren haben, bei der fünfzigprozentigen Senkung auf nur 4 Prozent der Waren der Mindestschutz von 10 Punkten verbleiben würde. In den USA dagegen blieben noch 25 Prozent und in Großbritannien gar 33 Prozent der Waren mit Zöllen von über 10 Prozent belastet. Da Zölle, die weniger als 10 Punkte betragen, von Handelsexperten nicht mehr als Schutz angesehen werden, forderte der Gemeinsame Markt eine Sonderbehandlung für diejenigen Produkte, bei denen zwischen EWG und USA große Zollunterschiede bestehen. Damit war das Problem der „Disparitäten“ geboren.

Der Gemeinsame Markt und die USA haben eine Reihe von Vorschlägen gemacht, konnten sie aber bisher auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Der jüngste EWG-Vorschlag geht dahin, daß Disparitäten dann bestehen, wenn die Zölle der Niedrigzolländer die Hälfte der Zölle der Länder mit höherem Schutz auf ihren Waren beträgt und die Differenz wenigstens 10 Prozent ist. Diese Formel wurde von den USA unter der Voraussetzung angenommen, daß die Interessen dritter Länder gewahrt bleiben müssen. Mit dieser Forderung konnte sich die EWG aber noch nicht anfreunden. Sie schlug Einzelverhandlungen mit den EFTA-Ländern vor, doch Großbritannien zeigte sich damit wenig einverstanden, da praktisch die meisten Exportgüter Großbritanniens erfaßt werden müßten und dadurch die Verhandlungen äußerst kompliziert würden. Die EFTA-Länder stimmten dem Vorschlag der USA allerdings zu, weil sie glauben, darin ihre berechtigten Interessen gewahrt zu sehen. Die Verhandlungen werden dadurch jedoch weiter erschwert, denn die USA sehen sich nun nicht mehr einem, sondern zwei Verhandlungspartnern gegenüber.

Meinte ein amerikanischer Delegierter in Genf: „Wenn das so ist, müssen wir die Verhandlungen einem Computer anvertrauen.“