Von Marcel

In den Bitterfelder Reden Ulbrichts und des Kulturministers der DDR, Bentzien, sowie in vielen anderen in den letzten Wochen jenseits der Elbe gedruckten Referaten und Artikeln wurden oft Äußerungen oppositioneller Künstler kurz zitiert und ausführlich abgewiesen. Ihre Namen blieben indes ungenannt und ließen sich nicht mit Sicherheit identifizieren.

Jetzt ist es klar, daß diese mysteriösen Anspielungen ein einziges Dokument betreffen: die Rede, die Professor Fritz Cremer Ende März auf dem Kongreß des Verbandes Bildender Künstler in Ostberlin gehalten hat. Da sie in der DDR nicht veröffentlicht wurde, war die Presse der Bundesrepublik bisher auf spärliche Informationen und wenige Zitate angewiesen.

Nunmehr kann man den vollen Wortlaut in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Mai finden, die sich allerdings verwahrt, sie gebe den „Diskussionsbeitrag so wieder, wie er uns von glaubwürdiger Seite zugänglich gemacht wurde“.

Der 57 Jahre alte Cremer trat bereits 1926 dem Kommunistischen Jugendverband bei und blieb seither dem Kommunismus treu. Er gilt – auch nach der Ansicht westlicher Kenner – als der bedeutendste in der DDR lebende Bildhauer, als ein Künstler, der seinen Ruf nicht dem Regime zu verdanken braucht.

Nach der Lektüre seiner Rede, die als ein einziger und ungetarnter Zornausbruch bezeichnet werden muß, begreift man die erregte und empörte Reaktion der SED-Kulturpolitiker. Denn er hat sie – wie in letzter Zeit kein anderer dortiger Künstler oder Schriftsteller – mitten ins Herz getroffen.

Cremer fordert die „Überprüfung der Folgen aus der Periode des Personenkults auf dem Gebiet der Kunst“. Die „irrationalistische Denkweise“, auf die der sozialistische Realismus der Stalin-Periode zurückzuführen sei, belaste „heute noch unsere Köpfe, und daher brauchen wir neuerliche Untersuchungen und letztlich ihre Abschaffung“.