Aus Tripolis kam eine aufregende Nachricht. Bei der dortigen Shakespeare-Feier – so hieß es – sollte der Dichter persönlich erscheinen. Die Tripolitaner sind aber nicht auf eine Zeitungsente hereingefallen; es handelte sich bloß um eine Verwechslung: Dr. William Shakespeare, ein angeblicher Nachkomme, machte eine Hochzeitsreise ins nördliche Afrika. Es war die Passagierliste der Fluglinie, die auf dem Airport die Aufregung verursachte. Im Geburtsland des Barden lachte man, aber auch hier treibt die 400-Jahr-Feier eigenartige Blüten.

Zwar bemühen sich alle von Kultur angehauchten Institutionen, von Ihrer Majestät. Post angefangen bis zur kleinsten Dorfschule auf den Hebriden, des Dichters zu gedenken, aber oft gelingt es daneben. Die Briefmarken werden beanstandet, und unkultivierte Leute fragen, ob der Mann gegenüber der Königin Prinz Philip sei. So glatzköpfig wäre er doch nicht, und weshalb er jetzt so komische Kragen trüge? Die Schulkinder – es sei geklagt – haben Shakespeare schon satt, denn seit zwei Jahren müssen sie seine Stücke mit verteilten Rollen lesen. Selbst die gute BBC hatte mit ihrer Festsendung nur wenig Glück. Knapp eine Million Menschen sahen sich die Fernsehsendung an, so meldete der Hörerkontrollbericht kalt und schlicht. Dagegen schalteten elf Millionen Zuschauer auf ein Varieté-Programm des kommerziellen Fernsehens. Während der Festwoche sahen auch bedeutend mehr Landsleute den Film „Cleopatra“ als Sir Laurence Olivier in seiner hinreißenden Rolle des „Othello“.

Nur in Stratford-on-Avon, der Geburtsstadt des Dichters, scheint etwas von dem Geiste seiner Zeit erhalten zu sein. Aber auch hier ist es bemerkenswert, mit wieviel größerer Freude die anwesenden Ausländer zu feiern verstehen. Es gibt keine Sprache, die jetzt nicht auf den Straßen Stratfords gesprochen wird. Aus aller Welt kommen die Pilger, um einen kurzen Tag lang die Pfade, die Shakespeare gegangen ist, zu suchen. Doch nie hat man das Gefühl, voll Erbauung vor einem Totenschrein zu stehen. Hier wird das Leben gefeiert. Selbst die Damenmode hat sich des Elizabethanischen Zeitalters bemächtigt. Capes in Samt, in der Manier des späten 16. Jahrhunderts geschnitten, breitkrempige Hüte, über denen Kopftücher getragen werden, und grelles Bühnen-Make-up bezeugen das Interesse der Damen an Shakespeare. Dazwischen natürlich Teenagers mit Jeans und Lederjacken; sie feiern kompromißlos und kauen höchstens. Gewürznelken, das elizabethanische Äquivalent von Kaugummi.

Stratfords High Street ist in diesem Jahr der Treffpunkt der eleganten Welt, der Künstler und der nur Neugierigen. Die Cafés sind gerammelt voll, und gelehrte junge Leute dozieren über Hamlet und bringen Freud, Ödipus-Komplex und Shakespeare durcheinander. Ann Hathaway. Cottage fühlt sich von den Besuchern umworben, wie einst die Ann von William umworben war. Und die alten Fachwerkhäuser sehen aus, als ob sie wüßten, daß sie nie abgerissen und daß an ihrer Statt nie Wolkenkratzer gebaut werden. Auf dem Avon schwimmen die Nachkommen der Schwäne, denen einst Shakespeare Sonette gewidmet hat.

Aber die festliche Menge, die sich hier tummelt, besteht nicht nur aus Angehörigen der westlichen Welt. Auch der Eiserne Vorhang hat sich für Shakespeare gelüftet. Man sieht auffallend viel Russen und Polen, ebenso Afrikaner und Asiaten in ihren bunten Trachten, und man fragt sich, ob Shakespeare auch ihnen etwas bedeute. Daneben erscheinen Westdeutsche, die mißtrauisch die Flaggenparade mustern, ob auch keine DDR-Fahne offiziell gehißt sei.

Durch dieses Menschengewühl zwängen sich lange Schlangen englischer Schuljugend, die von ernsthaften Lehrern in die Shakespeare-Ausstellung geführt werden. Sehnsüchtige Kinderaugen richten sich zwar mehr auf die Eisbuden als auf den Kulturtempel. Immerhin geht die Ausstellung ins Kolossale. Der Großindustrielle Mr. Lyons hat es sich einige Millionen Mark kosten lassen, als er Richard Buckle beauftragte, diese „Schau“ zu organisieren. Die Grundidee ist: Der Besucher soll sich vorstellen, Shakespeare zu sein und sein Zeitalter zu erleben. Das gelingt allerdings nicht ganz. Wer kann sich schon mit dem rätselhaften Genie identifizieren? Aber man fühlt schon den abenteuerlichen Wind, der damals durch England wehte. Eine Riesenschau – und trotzdem zauberhaft schön. Gemälde, Skulpturen, Miniaturen, Kostüme, Bücher, Manuskripte und Grotten mit glitzerndem Schmuck. All dies akustisch unterstützt mit Madrigalen, Straßenrufen und zeitgenössischen Tänzen, und über allem liegt die Aura eines intensiven Lebenswillens.

Natürlich ranken sich um diese Shakespeare-Feiern auch die Lianen der Souvenir-Industrie. Nach deren Diktum soll es keinen englischen Haushalt geben ohne einen Shakespeare-Aschenbecher und „Engländer, trinkt Shakespeare-Bier!“ Kein Schneidergeschäft ohne Shakespeare-Zitat oder alten Webstuhl im Schaufenster, der angeblich Shakespeares Kleider gewebt hat. Ich besuchte auch Pietro Grimaldi, der Gipsfiguren macht. Auf dem Hofe und in den Lagerräumen trockneten Tausende von Gipsbüsten, diszipliniert aufgereiht wie bei einer Parade. Der Leser wird wissen von wem. Grimaldi meinte enthusiastisch, auf jedem englischen Bücherschrank müßte eines seiner Kunstwerke stehen. Dann rief sein Sohn vom Atelier herüber, ob er nicht zur Abwechslung einige Brahms-Büsten machen könne. Aber Grimaldi sen. sagte kategorisch: Höchstens ein halbes Dutzend und dann gleich wieder ’ran an Shakespeare.