Was ist zu tun, um angesichts des kräftigen Konjunkturaufschwungs den Geldwert zu halten? Es vergeht seit Wochen kaum ein Tag, an dem nicht ein Minister, ein Verbandsvorsitzender oder ein Wirtschaftspolitiker eine Antwort auf diese Frage gegeben hätte. Meist beschränkt sich die Antwort allerdings auf eine Aufzählung dessen, was nach Ansicht des jeweiligen Sprechers nicht geeignet ist, den zweifellos drohenden Anstieg des Preisniveaus wirkungsvoll zu bremsen. Der nächste hält dann manchmal gerade diese Maßnahmen für unerläßlich. In der Konjunkturdebatte steht heute Argument gegen Argument. Ist es so schwierig, das Richtige zu tun?

Einig ist man sich lediglich im Ziel: die Kaufkraft der Mark zu sichern. Daß auch die deutsche Industrie um die Gefahren weiß, die ihr durch eine anhaltende Aufweichung des Geldwertes entstünden, hat Fritz Berg auf der BDI-Jahresversammlung im Mannheimer Nationaltheater dargelegt. Weitgehender Zustimmung war der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie sicher, als er auf die übermäßige Zunahme des Verbrauchs der öffentlichen Hand hinwies. Über 150 Milliarden Mark an öffentlichen Ausgaben sind bei einem Bruttosozialprodukt von 377 Milliarden Mark, wie es 1963 erarbeitet wurde, gewiß reichlich viel. Es wäre dennoch schon ein beachtlicher Erfolg, wenn sich der Anteil der öffentlichen Hand am Bruttosozialprodukt wenigstens auf den gegenwärtigen Umfang beschränken ließe. Sollte der Staat wirklich den Mut haben, als Höchstgrenze für seinen Ausgabenzuwachs die zu erwartenden realen Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts festzusetzen, wie es Bundeswirtschaftsminister Schmücker in seiner Antwort auf die Bergrede forderte, wäre in der Tat eine der Gefahrenquellen für den Geldwert verstopft.

Überhaupt sollte man sich vor dem Trugschluß hüten, nur die importierte Inflation verursache gegenwärtig den Hütern der Währung, also in erster Linie Bundesregierung und Bundesbank, Kopfzerbrechen. Der Baumarkt ist immer noch durch eine Übernachfrage gekennzeichnet, der Arbeitsmarkt nicht minder. Bundesbankpräsident Karl Blessing hat bei der Einweihung des neuen Gebäudes der Landeszentralbank in Düsseldorf warnend festgestellt: „Ich kann mich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, als ob diejenigen, die alle Schuld beim Ausland suchen, darum herumkommen möchten, selbst Disziplin zu halten und im Interesse der Geldwertstabilität Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.“

Im gleichen Atemzug sagte Blessing aber, daß unter den Sorgen um die Währungsstabilität die sogenannte importierte Inflation obenan stehe. Auch Bundeswirtschaftsminister Schmücker warnte vor den Industriellen in Mannheim davor, die Gefahren aus den Exportüberschüssen zu bagatellisieren.

Ein neues Argument in dieser Debatte ist für viele der Hinweis des BDI-Präsidenten auf die Deviseneinnahmen der Bundesbank, die auf den der Zahlungsbilanz heraus, so ergäbe sich für die letzten fünf Jahre nicht ein Überschuß, sondern ein Defizit von nicht weniger als 16,5 Milliarden Mark. Der BDI-Präsident folgert daraus, der deutsche Export reiche im Grunde also gar nicht aus, um langfristig allen an ihn gestellten Ansprüchen – Einfuhr, Reiseverkehr, Wiedergutmachung, Schuldendienst, Entwicklungshilfe, Ver-Aufenthalt verbündeter Streitkräfte in Westdeutschland zurückgehen. Laut Berg ist es ein Fehlschluß, daß Exportanstrengungen die Währung gefährden können, und als Beweis für diese These dienen ihm unter anderem die sogenannten Truppendollars. Läßt man nämlich diese Deviseneinnahmen, die rein politisch bedingt sind, aus teidigungsausgaben und Kapitalexport – zu genügen. Berg fordert deshalb weitere Ausfuhrerleichterungen, zum Beispiel eine steuerliche Begünstigung von Industriekrediten an Entwicklungsländer.

Sollte Berg mit seinem Hinweis auf die Truppendollars gemeint haben, nur sie hätten in den letzten Jahren ein Defizit unserer Zahlungsbilanz verhindert, so gab ihm zufällig der amerikanische Verteidigungsminister Robert S. McNamara einen Tag später Antwort. McNamara erklärte bei seiner Ankunft in Bonn, die Gespräche mit seinem deutschen Ministerkollegen Kai Uwe von Hassel dienten vor allem der Bereitstellung von Material und Dienstleistungen aus den Vereinigten Staaten für die westdeutschen Streitkräfte zu einem Betrag, der demjenigen entspreche, für den die sechs amerikanischen Divisionen in Westdeutschland einkauften.

Diese Rüstungskäufe in den Vereinigten Staaten sind seit Jahren ausdrücklich als Kompensation für die Dollarzahlungen der amerikanischen Streitkräfte in der Bundesrepublik betrachtet worden. Der Umfang ist beträchtlich. Für den Aufenthalt der britischen Rheinarmee bietet die Bundesregierung ebenfalls Ausgleichszahlungen. Die Bundesbank hat in ihrem Geschäftsbericht für 1963 mitgeteilt, daß die Zahlungen der Bundesrepublik sogar erstmals höher waren, als die 4,3 Milliarden Mark an Einnahmen, die auf die Anwesenheit fremder Truppen zurückgehen. Die Notenbank hat also ihre Einnahmen aus Truppendollars, vereinfacht gesagt, gleich im Gegenzug dem Bund für Rüstungskäufe und Vorauszahlungen ins Ausland wieder zur Verfügung gestellt. Für den Zahlungsbilanzausgleich spielen die Truppendollars also keine entscheidende Rolle.