Nach all der ideologischen Feinspinnerei im Konflikt mit Moskau sind die Chinesen jetzt mit einem handfesten Vorwurf herausgerückt: Chruschtschow habe ich in den zwanziger Jahren die trotzkistische Opposition unterstützt und deshalb Selbstkritik üben müssen. „Wir sind bereit“, schrieb die Pekinger Volkszeitung, „die entsprechenden Materialien zu veröffentlichen, sobald es uns notwendig erscheint.“ Da Moskau und Peking einander des „Trotzkismus“ bezichtigen, ist diese Ankündigung nicht ohne politische Bedeutung.

Die Pekinger Behauptung über Chruschtschows trotzkistische Jugendsünden hat die westlichen Sowjetexperten überrascht. Alle bisher verfügbaren Materalien zeugen davon, daß Chruschtschow damals ein treuer Gefolgsmann Stalins war. Als Mitglied der Parteidelegation des Donez-Beckens fuhr er im Dezember 1925 zum 14. Parteitag nach Moskau, unterstützte dort die Linie Stalins und wurde anschließend mit sechs anderen Delegationsmitglieder von Stalin empfangen. Bei dieser Gelegenheit entstand ein Gruppen-Photo, das Stalin mit dem damals 31jährigen Chruschtschow zeigt.

Nach seiner Rückkehr aus Moskau hielt Chruschtschow – zu jener Zeit Parteisekretär des Bezirks Petrowo-Marinsk – in der Ukraine eine Pro-Stalin-Rede nach der anderen; hart und scharf rechnete er mit der trotzkistischen Opposition ab. Auf der ersten all-ukrainischen Parteikonferenz im Oktober 1926 sprach er sich gegen den mit dem Trotzkismus sympathisierenden Funktionär Golubenko aus. Anfang 1927 wurde er Leiter der Organisationsabteilung des Parteibezirkskomitees von Stalino. Danach trat er besonders scharf gegen den damals in der Ukraine tätigen Trotzki-Anhänger Solowjow auf. Unter dem Vorsitz Chruschtschows fand am 14. August 1927 eine Parteikonferenz des Stalino-Gebiets statt, auf der die Maßnahmen Stalins gegen Trotzki und Sinowjew begrüßt wurden; im Dezember 1927 nahm Chruschtschow als Delegierter auf dem 15. Parteitag in Moskau teil; 1928 rückte er in den (damals von Kaganowitsch geleiteten) zentralen ukrainischen Parteiapparat auf; schon 1929 wurde er nach Moskau beordert.

Diese Tatsachen lassen die Pekinger Anschuldigungen recht eigentümlich erscheinen. Indessen hätten die Chinesen ihren neuen Vorwurf wohl kaum veröffentlicht, wenn sie ihn nicht mit Dokumenten belegen könnten. Damit freilich erhebt sich die Frage: Woher haben die chinesischen Kommunisten interne Parteimaterialien aus den Jahren 1925 bis 1928 über den zu jener Zeit nur in der Peripherie wirkenden Bezirksparteisekretär Chruschtschow? Der Verdacht liegt nahe, daß Chruschtschows Widersacher Molotow und Kaganowitsch diese Unterlagen den Pekinger Führern in die Hände gespielt haben. Wenn dies so sein sollte, dann wird die jüngste Pekinger Bezichtigung allerdings noch weite Kreise ziehen.

Auf Pekings dunkle Andeutungen über Chruschtschows Vergangenheit hat die Sowjetführung prompt mit mokanten Enthüllungen über parteiinterne Vorgänge der KP Chinas geantwortet. Seit 35 Jahren habe die KP Chinas nur zweimal – 1945 und 1956 – Parteikongresse einberufen, lautet ein Vorwurf. Obwohl das chinesische Parteistatut von 1956 vorsehe, daß alle 5 Jahre ein Parteikongreß stattzufinden habe, sei der 1961 fällige Parteikongreß bis heute nicht einberufen worden und niemand wisse, ob und wann er stattfinden werde. Auch der Beschluß der KP Chinas von 1956, jährliche Parteitagungen abzuhalten, sei nicht erfüllt worden; seit 1958 habe es keine derartige Tagung mehr gegeben. Die Prawda meint dazu, dies erinnere an die Situation, „die bei uns unter Stalin herrschte“.

Weiter enthüllte die Prawda, wie die chinesische KP-Führung ihren 8. Parteitag im September 1956 vorbereitet hat. Schon zwei Wochen rot der offiziellen Eröffnung des Parteitages seien die Delegierten zusammengetroffen und hätten den ganzen Kongreß durchgespielt. Die Texte aller Berichte und Beschlüsse wurden verlesen, die Delegationsleiter hielten ihre Reden, sogar die „Diskussionen“ wurden geprobt. „Das ganze war praktisch eine Generalprobe des Kongresses“, erklärte die Prawda vorwurfsvoll. „Hier wurden auch die Reden ausgesucht, die dann auf den Tagungen des Kongresses gehalten werden sollten. Sogar die geheimen Abstimmungen für die Wahlen in das Zentralkomitee wurden bereits hier geprobt.“

In der sowjetisch-chinesischen Auseinandersetzung fangen die beiden Seiten jetzt also damit an, interne Vorgänge der anderen Partei zu enthüllen. Solches „Auspacken“ hat es in der Geschichte des Weltkommunismus bisher nicht gegeben. Eine Wiederaussöhnung zwischen den Parteien Chinas und der Sowjetunion ist daher nicht nur unwahrscheinlich, sie ist unmöglich geworden.

Wolf gang Leonhard