Von Helmut Heißenbüttel

Wenn ich an meine aufeinanderfolgenden Lehrer denke, beschäftigen mich die seltsamen Dissonanzen, die sie in mein junges Leben brachten, weniger als die fundamentale Stabilität und Unversehrtheit dieses Lebens. Mit Freude nehme ich die höchste Leistung des Gedächtnisses wahr, nämlich den meisterlichen Gebrauch, den es von den angeborenen Harmonien macht, wenn es die verhaltenen und unsteten Klänge der Vergangenheit in seinen Pferch treibt.

So heißt es in dem Erinnerungsbuch des Autors, der durch den halben Skandal seines „Lolita“-– Romans berühmt wurde, obwohl er verdient hätte, es auch ohnedies zu sein: Vladimir Nabokov. Dieses Erinnerungsbuch – erschien, wenn ich die Copyrightangabe recht verstehe, zuerst 1951, nachdem einzelne Teile (bis 1939 zurückreichend) bereits in mehreren amerikanischen Zeitschriften, vor allem in The New Yorker, vorabgedruckt waren. Zwei Titel sind für die amerikanische Ausgabe angegeben, „Conclusive Evidence (also: „Endgültiger Beweis“) und „Speak, Memory“ („Sprich, Gedächtnis“). In der, wie mir scheint, bis in Sprachnuancen dem Original nachspürenden Übersetzung von Dieter E. Zimmer heißt die deutsche Ausgabe „Andere Ufer“; so nannte Nabokov die von ihm selber angefertigte russische Übersetzung, die 1954 in einem russischen Emigrantenverlag erschien.

Vielleicht ist es nicht ganz nutzlos, einen Augenblick bei diesen verschiedenen Titeln zu verweilen. Wenn der Rückblick auf die Jahre der eigenen Kindheit und Jugend als ein „endgültiger Beweis“ bezeichnet wird, so bedeutet das doch wohl vor allem den Bruch mit dieser Vergangenheit. Der Rückblick beweist, wenn es noch eines Beweises bedurft hat, daß nichts reparabel ist, subjektiv nicht und nicht, was die großen Geschehnisse betrifft. Dem entspricht die Angewohnheit des Autors, im Text seine Emigrationsjahre nur bis zum Aufenthalt in Amerika zu rechnen. Der zweite Titel betont die Lebendigkeit der Erinnerung. Solange man lebt, ist das Erinnerbare noch nicht völlig verloren. Es vermag noch immer zu „sprechen“. Der deutsche Titel endlich sieht das Erinnerte wie aus fernem Abstand. Andere Ufer sind es, die da auftauchen, die Ufer Europas, und der Ozean ist nicht nur räumlich ein Trennendes, sondern auch ein Abstand der Jahre.

Eine solche Reflexion wäre gegenstandslos, wenn sie nicht immer wieder auf den Inhalt des Buches zurückverwiese. Etwas von dem, was in der Differenz der drei Titel mitschwingt, bewegt auch den Gang der Erzählung, die von den ersten Regungen des Kindes bis zum Anblick des Schiffes reicht, das den Erwachsenen mit Frau und Sohn in die Sicherheit der Vereinigten Staaten bringen soll. Die Erzählung berichtet nicht so sehr von der Suche nach der verlorenen Zeit (obwohl ein deutlicher und manchmal parodistisch gespannter Bezug zum Werk Marcel Prousts durchschlägt) wie von dem Erstaunen darüber, wieviel von dem Verlorengeglaubten sich, noch „sprechend“, wiederfindet. Zugleich immer ist das noch Lebendige an eine Wirklichkeit geknüpft, zu der alle Brücken abgebrochen sind. Daher bleiben die Bedingungen dieser Wirklichkeit, etwa die Soziologie russischer Oberschichten vor 1914, seltsam vage, nebensächlich. Ganz im Gegensatz etwa zu Proust, bei dem die Mitspielerschaft der feudalen Gesellschaft zumindest im Snobismus der Gewohnheiten erhalten ist. Auch das Politische, das ja schließlich den äußeren Bruch mit der Vergangenheit bewirkte, wird abgedrängt, in eine nur halbe Realität, in der die Heldenhaftigkeit des Vaters deutlicher erscheint als seine politische Rolle als aktiver Liberaler.

Hier läßt sich das anfangs angeführte Zitat einfügen. Es spricht von den Hauslehrern des Knaben Vladimir, aber sein Sinn reicht darüber hinaus. Die Dissonanzen, welche die Lehrer in das Leben dieses Knaben brachten, endeten ja nicht mit dem frühen Lebensabschnitt. Dissonanzen waren es weiterhin, die von außen hereingetragen wurden. Die Verwunderung des Erinnernden gilt dem, was unveränderlich der Dissonanz entrückt blieb. Sie gilt vor allem der Leistung des Gedächtnisses, welches das Unstete zu harmonisieren vermag. Vielleicht ist das der erste Grundzug, den man dem Buch Nabokovs ablesen kann: daß die erinnernde Erzählung des Autors (infolge der merkwürdigen Tätigkeit des Gedächtnisses) gar nicht umhin kann, zu harmonisieren, in Einklang zu bringen.

Die harmonisierende Tätigkeit des Gedächtnisses hat dabei ganz bestimmte Aspekte. So äußert sie sich über weite Strecken in Form einer überschärften sensuellen Empfindlichkeit. Sinnliche Details, Farben, Gerüche, Stimmungen, das Eigenleben bestimmter Gegenstände bilden zunächst den Bezirk aus, in dem sich die Person des Erzählers entfaltet: „Das Sepiadunkel eines arktischen Mittwinternachmittags vertiefte sich zu bedrückendem Schwarz. Hier und da in der Dunkelheit spiegelten ein Bronzewinkel, ein Stück Glas oder poliertes Holz die Überbleibsel des Lichts auf der Straße, wo die Kugeln hoher Laternen auf dem Mittelstreifen bereits ihr Mondlicht verbreiteten. Florartige Schatten huschten an der Decke entlang. In der Stille ließ das trockene Geräusch, mit dem das Blütenblatt einer Chrysantheme auf den Marmor des Tisches niederfiel, die Nerven wie eine Saite erklingen.“