Das Alltagsleben in der DDR

Von Theo Sommer

Am Grenzübergang Lauenburg fiel mein Blick durchs rechte Wagenfenster auf einen Wachtturm, durchs linke auf einen zweiten. Der links entpuppte sich freilich bei näherem Zusehen als bloßer trigonometrischer Punkt: auch ein Holzgerüst, hoch und beherrschend, aber zu einem nützlichen, keinem scheußlichen Zweck errichtet. Die ganze Landschaft ist drüben übrigens mit solchen Gerüsten gesprenkelt. Ich machte mir im Geiste eine Notiz: „Jeder zweite Wachtturm ist nur ein trigonometrischer Punkt“ und stellte mir vorschnell die Frage, ob denn am Ende vielleicht alles nur halb so schlimm sei.

Die Antwort darauf wußte ich erst zehn Tage später, wenngleich ich sie auch jetzt nur zögernd formuliere. Es ist in der Tat vieles in der DDR und an der DDR nur halb so schlimm, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Manches jedoch ist auch doppelt so schlimm. Auf jeden Fall aber ist das Bild verzerrt, das wir von dem Deutschland jenseits der Elbe haben. Vieles ist drüben anders geworden. Etwas ist im Entstehen begriffen, was sich wesentlich von unserer Ordnung und Denkart unterscheidet; und das Etikett „sowjetisch besetzte Zone“ reicht allein nicht mehr aus, diese Andersartigkeit kenntlich zu machen.

Fassaden nach Ost und West

Wir sehen nur die Fassaden. Einerseits die abstoßende Fassade: die Maschinenpistolen der Grenzeinheiten; die Ramme, die am Berliner Kontrollpunkt Staaken primitiv-genial auf eine schiefe Ebene montiert ist und leicht ausrastet, damit sie hindernd vor den Schlagbaum gleitet, sobald einer mit seinem Fahrzeug durchzubrechen wagt; die kilometerlangen grünen Kasernenzäune, hinter denen – bei Nauen etwa, doch auch anderswo in der DDR – die Russen nun schon das zwanzigste Jahr biwakieren, insgesamt 20 Divisionen stark; den Todesstreifen und die Mauer schließlich, die der motorisierte Westdeutsche nur am Übergang Heinrich-Heine-Straße überwinden kann. Diese Fassade ist uns, dem Westen zugewandt. Die andere, die Potemkinsche Fassade, ist dem Osten zugekehrt: von den Parteipropagandisten zurechtfrisiert, ein papierdünnes Gestell, mit Marx-Zitaten und Lenin-Parolen verkleidet.

Das eigentliche Leben in der DDR spielt sich heute zwischen diesen beiden Fassaden ab – zwischen Mauer und Plakatwand. Sie setzen die Grenzen, und die Grenzen sind unverrückbar. Doch bleibt dazwischen Spielraum, recht viel Spielraum sogar, in dem sich die Menschen ihr Leben einrichten, so gut es geht. Sie beklagen die Mauer, aber sie wissen auch, daß sie dazu verdammt sind, mit ihr zu leben. Das gleiche gilt für die Partei. Sie herrscht, sie scheint auch allgegenwärtig zu sein, aber sie läßt sich ignorieren. Bis zu einem bestimmten Punkt jedenfalls.