–kle, Stuttgart

Des Schwabenlandes Verkehrsexperten standen ziemlich ratlos vor der Tatsache, die ihnen Gerd Pelletier im Fernsehen beweiskräftig vorgeführt hatte. Pelletier, Hauptdarsteller der Serie „Die Probe aufs Exempel“ im süddeutschen Regionalprogramm, hatte „Zebrastreifen“ getestet und war zu dem Ergebnis gekommen, daß zumindest in Stuttgart vom 1. Juni an entweder ein gnadenloser Krieg zwischen Fußgängern und Autofahrern oder aber ein heilloses Verkehrschaos ausbrechen wird.

Am 1. Juni tritt eine Verordnung in Kraft, mit welcher der experimentierfreudige Verkehrsminister Seebohm die schon oft geänderte und dennoch lückenhafte Straßenverkehrsordnung wieder einmal bereichert. Künftig sollen an den „Zebrastreifen“ Fußgänger den Vorrang vor den Fahrzeugen haben, sofern sie sich „erkennbar“ anschicken, den Überweg zu benutzen. Während die Fußgänger zur Überquerung in „angemessener Eile“ verpflichtet sind, wird den Fahrzeuglenkern beim Heranfahren „mäßige Geschwindigkeit“ vorgeschrieben; das Überholen an Zebrastreifen wird verboten.

Pelletier, bemängelte bei seiner Stuttgarter Exkursion nicht nur, daß es völlig der Phantasie der Betroffenen überlassen bleibt, was unter den Begriffen „erkennbar“, „angemessene Eile“ und „mäßige Geschwindigkeit“ zu verstehen sei, er zeigte auch die verschiedenen Mißhelligkeiten auf, die sich aus Seebohms Einfall ergeben. Er bewies, daß an manchen Stuttgarter Straßenkreuzungen – zumindest während der Tagesstunden – Fußgängerrudel in ununterbrochener Folge die Zebrastreifen „erkennbar“ überschreiten und, wenn Seebohms Verordnung in Kraft tritt, ein flüssiger Verkehr unmöglich wird. Er bewies weiter, daß in Stuttgarts Königstraße künftig das motorisierte Vorwärtskommen durch zahlreiche Zebrastreifen auf kürzester Distanz und den Zwang zu „mäßiger Geschwindigkeit“ fast unmöglich sein wird. Schließlich bewies er durch Tatortaufnahmen, daß die sinnige Art, wie Zebrastreifen hinter Kurven und an unübersichtlichen Stellen auf die Straßen gemalt sind, zahlreiche neue Gefahren hervorrufen wird.

Stuttgarts Polizeipräsident, von Pelletier befragt, wußte den handfesten Argumenten nur mit der Versicherung entgegenzutreten, daß die Polizei schon aufpassen werde. Der Verkehrswacht-Vorsitzende hingegen zeigte sich sprach- und, wie er zugab, hilflos.

Noch bevor Pelletiers Sendung über die süddeutschen Bildschirme gelaufen war, hatte der Fernsehreporter aus Stuttgart lautstarke Unterstützung bekommen. „Auto, Motor und Sport“ bezeichnete die Neuregelung in einem Kommentar schlicht als „gemeingefährlich“. Das Blatt nahm die Neuregelung gleich zum Anlaß, um auf die von Seebohm geförderte und von verschiedenen Zeitungen in Süddeutschland begrüßte Aktion „Kavalier am Steuer“ Sturm zu laufen. Es schrieb: „Wäre der deutsche Autofahrer so suspekt, wie ihn die Ordensverleiher sehen, so würde die tägliche Unfallziffer bei uns ihre gegenwärtige Höhe weitaus übersteigen. Sie tut es nicht, weil täglich millionenfache Höflichkeit und Zuvorkommenheit im Straßenverkehr geübt werden. Auch von den deutschen Autofahrern, denen eine ‚perfekte‘ Gesetzgebung und offizielle Demütigung durch Polizeibeamte und Verkehrsgerichtsbarkeit den Stempel des permanenten Verkehrssünders aufdrücken.“