R. S., Bonn, im Mai

Bundespräsident, Lübke wird in Kürze wohl zu erkennen geben, daß er bereit ist, noch einmal für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Die Entscheidung über seine Wiederwahl wird damit, wenn auch noch nicht formell, gefallen sein, denn kein anderer aus der CDU würde gegen ihn kandidieren: Weder Heinrich Krone, dem es vielleicht geschmeichelt haben mag, in diesem Zusammenhang genannt worden zu sein, noch Dr. Gerstenmaier, der zwar das Format für das Amt hat, aber nicht die erforderliche Anhängerschaft besitzt, noch Gebhard Müller oder Dr. Furier, die auch erwähnt wurden. Und da unter den gegebenen Umständen nur ein Kandidat der stärksten Partei Aussicht hat, gewählt zu werden, hängt die Entscheidung in der Tat von Lübke selbst ab – auch wenn ihm die Bundesversammlung keinen so überwältigenden Vertrauensbeweis geben wird wie seinem Vorgänger Heuss bei dessen Wiederwahl.

Eine Schlüsselposition in den Auseinandersetzungen um Lübkes Wiederwahl hält Herbert Wehner. Er hat sich schon vor längerer Zeit für Lübke ausgesprochen, den er als redlichen Makler zwischen den Parteien schätzt. Ihm gilt Lübke als ein Mann, der einer großen Koalition zumindest keine Schwierigkeiten bereiten würde. Erler mag ähnlich denken. Es läßt sich freilich noch nicht übersehen, wie viele SPD-Leute sich von diesen Argumenten überzeugen lassen. Die Auguren schätzen, daß Lübke bereits die Hälfte aller sozialdemokratischen Stimmen in der Bundesversammlung gewiß wäre. Der Widerstand der Freien Demokraten gegen eine Wiederwahl Lübkes erklärt sich gerade daraus. Aber die FDP ist diesmal nicht Zünglein an der Waage.