J. S., Washington, im Mai

Eine Stunde lang hat sich der amerikanische Präsident am Montag mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister unter vier Augen unterhalten; der deutsche Botschafter Knappstein, Chefberater McGeorge Bundy und Außenminister Rusk warteten derweil in einem Nebenraum. Worum ging es? Johnsons Denken ist gegenwärtig vor allem anderen darauf gerichtet, die Sicherung des Friedens zu verstärken und im Wahljahr keinen Ärger mit den Russen zu schaffen. Daher will er die deutsche Frage als großen diplomatischen Gegenstand ruhen lassen, aber mit kleinen Schritten im innerdeutschen Bereich vorgehen und so auch einen gewissen interzonalen Ausgleich herbeiführen. Willy Brandt sah sich also in seinem Bemühen unterstützt, durch neue Passierscheinabkommen eine Berliner Regelung für Härtefälle und durch andere Vereinbarungen einen für die Zonenbevölkerung erträglicheren Zustand zu schaffen.

Freilich hütete sich der SPD-Vorsitzende davor, den Präsidenten zu einer peinvollen Stellungnahme zugunsten des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Brandt zu veranlassen. Als guter Botschafter für die Bundesrepublik betonte Brandt vielmehr, daß er mit Bundeskanzler Erhard, Außenminister Schröder und selbst Staatssekretär Carstens über die Prinzipien völlig einig sei, die bei Abkommen mit Ostberlin einzuhalten seien. Auch unterstrich er, daß die Verantwortlichen in Bonn im Grunde ihres Herzens ganz hinter der weihnachtlichen Regelung stünden.

Damit demonstrierte Brandt im Weißen Haus, daß er die Identität der SPD mit der Bundesregierung in der Außenpolitik fortzusetzen gedenkt; er will also weiterhin gleichzeitig opponieren und stiller Koalitionsteilhaber sein. Allerdings registrierte der Regierende Bürgermeister auch, daß die amerikanische Regierung Professor Erhard auf jenen Kurs zu drängen sucht, den Brandt selber ursprünglich in Berlin angesteuert hatte. Der Bundeskanzler wird bei seinem Amerikabesuch im Juni entdecken, daß die Amerikaner innerdeutsche Kontakte wieder befürworten. Rusk jedenfalls ermunterte Brandt, die schrittweise Humanisierung zwischen Bundesrepublik und DDR weiter zu betreiben.

Höchst interessiert zeigte sich der US-Außenminister an Brandts New Yorker Vorschlag, die Wandlungen in Osteuropa zu fördern. Rusk erbat dazu einen schriftlichen präzisierten Vorschlag; Brandt will ihn liefern. Im Gespräch mit den Amerikanern skizzierte er bereits als Möglichkeiten den Bau von Autostraßen sowie Wasserstraßen zwischen Osteuropa und Deutschland und ein Energieverbundnetz. Das alles ist noch vage, kann sich aber zur Idee eines kleinen „Marshall-Plans“ für den Osten verdichten.