Organisierte Massenaufmärsche und nicht gelenkte Diskussionen – „Dürfen Sie denn alles so sagen?“

Berlin, im Mai

Fünf Stunden lang schwenkte Walter Ulbricht einen Strauß roter Nelken – abwechselnd in der linken und in der rechten Hand. Fünf Stunden ließ er auf dem Marx-Engels-Platz über 300 000 Mädchen und Jungen an sich vorbeiziehen. Sie winkten ihm mit Blumen, Fähnchen und Tüchern zu. Auf der Ehrentribüne mögen die Machthaber der DDR eine positive Bilanz ihres fünfzehnjährigen Kampfes um die Jugend im östlichen Teil Deutschlands gezogen haben. Aber war die Bilanz des Deutschlandtreffens wirklich positiv? Die widersprüchlichen Pfingstimpressionen in der Teilstadt hinter der Mauer sind schwer auf einen Nenner zu bringen.

Da war das beklemmende Bild der großen Demonstrationen, das zeigte, wie weit das System die Methoden totalitärer Massenmanipulation perfektioniert hat. Die Kommunisten selbst sagen, daß ihnen noch nie eine „eindrucksvollere“ Demonstration gelungen ist.

Da waren die Zehntausende, die vor dem Brandenburger Tor, Unter den Linden, auf der Karl-Marx-Allee jeden Tag bis um Mitternacht – in Gruppen zusammengedrängt – ungehindert mit Jugendlichen von jenseits der Mauer diskutierten. Auch das hat es im kommunistischen Teil Deutschlands noch nie gegeben.

Da war der Jubel auf dem Marx-Engels-Platz, da waren Resignation und unverhohlener Haß auf das Regime am Brandenburger Tor – im Angesicht der Mauer und maschinengewehrbewaffneter Altersgenossen.

Ulbricht empfing die FDJ-Delegierten am Sonnabend im Walter-Ulbricht-Stadion. Dort rollte das bedrückendste Spektakulum dieser Ostberliner Pfingsttage ab. Wie an unsichtbaren Fäden formierten sich Tausende junger Menschen zu Figuren, brüllten ihre Sprechchöre und ließen auf Kommando Ulbricht hochleben. „Der Freund und Förderer der Jugend, unser Genosse Walter Ulbricht, er lebe hoch – hoch – hoch. Hurra, hurra, hurra!“