„Der Verzicht der Familie Olivetti“ auf ihre Aktienmehrheit, über den Diether Stolze in der vorigen Ausgabe der ZEIT berichtet hat, ließ die Frage entstehen, ob das nicht auch den Verlust des „Stile Olivetti“ bedeuten könne. Was es mit diesem berühmten und gerühmten, das ganze Familien-Unternehmen, seinen Geist, sein Sozialgefüge und seine Produkte prägenden Stil auf sich hat – darüber nachzudenken lohnt sich nicht zuletzt bei einer Nachricht, die von „Verzicht“ und von neuen Besitzern spricht.

Von der Autobahn Mailand–Turin, die Fiat gebaut hat, zweigt kurz vor der piemontesischen Hauptstadt die Straße ab, die Olivetti konstruieren ließ. Durch Reben und Hügelland führt sie auf die beschneiten Alpengipfel über dem Aostatal zu und endet in dem Landstädtchen Ivrea, das in den letzten Jahrzehnten mit dem Namen Olivetti fast zu einer Legende geworden ist. Daß diese Legende heute, über ein halbes Jahrhundert nach der Gründung der ersten Schreibmaschinenfabrik Italiens, über drei Jahre nach dem plötzlichen Tod Adriano Olivettis, nichts von ihrer Anziehungskraft verloren hat, beweisen die nie abreißenden Besucherscharen aus aller Welt. Was suchen all diese Kommissionen, Studiengruppen, Reporter in Ivrea, wo es in Europa – von Amerika zu schweigen – viel größere und ebenfalls vorbildlich organisierte Industrien gibt? Die Antwort lautet wohl: das Geheimnis dieser Fabrik, den Olivetti-Stil.

Es ist nicht einfach, diesen Stil zu definieren, denn er beschränkt sich nicht auf formale Dinge. Sein Wesen ist weder mit der Form der Produkte, noch mit der Architektur, der Werbung, der Verkaufsorganisation und den sozialen Einrichtungen Olivettis zu erklären, die alle von diesem Stil geprägt sind. Der „Stile Olivetti“ ist, so hochtrabend das klingen mag, vor allem eine ethische Haltung. Um ihn zu begreifen, muß man von seinem Schöpfer, Adriano Olivetti, erzählen.

Wie alle ungewöhnlich begabten Menschen war Adriano ein Mann voller faszinierender Widersprüche. Er, ein kontemplativer, fast mystischer Typ, vereinte die Fähigkeiten eines Philosophen und Reformators mit dem Elan eines modernen Industriellen. Unendlich liebenswürdig im Umgang mit seinen Arbeitern und Kollegen, konnte er scharf bis zum Jähzorn sein. Als die Rassenhetze nach nazistischem Beispiel in den vierziger Jahren auf Italien übergriff, wurde er ins römische Gefängnis Regina coeli und dann in die Schweiz ins Exil gebracht. Nach dieser Zeit ungestörten Studiums kehrte er voller politischer Ideen in sein Ivrea zurück, das in den letzten Kriegswochen zu einem Zentrum der Widerstandsbewegung geworden war.

Er gründete seine eigene Partei, die „Communità“, als deren einziger Deputierter er zum Ärger seiner fünf Geschwister ins Parlament einzog. Aber seine Ideen waren zu idealistisch, um in der Wirklichkeit außerhalb seiner Fabrik Fuß zu fassen. Enttäuscht und voll neuem Eifer wandte er sich wieder dem Aufbau seiner eigenen Welt, der Fabrik, zu.

Rückblickend kann Adriano Olivetti als der erste Industrieunternehmer Europas gelten, der sich mit der neuen „Industriegesellschaft“ praktisch und philosophisch auseinandergesetzt, ihre technischen, wirtschaftlichen und soziologischen Konsequenzen vorausgesehen und die Verantwortung, die sie mit sich brachten, auf sich genommen hatte. Sein Sozialwerk ist heute noch beispielhaft, aber es ist so sehr zum Beispiel geworden, daß viele seiner revolutionären Neuerungen heute selbstverständlich erscheinen. Seine ästhetischen Forderungen an das Industrieprodukt sind heute, wo das industrial design schon zur angewandten Kunst gehört, nicht mehr ungewöhnlich. In den dreißiger Jahren klangen Sätze wie: „Die Formgebung eines jeden Erzeugnisses soll bestimmt werden von Klarheit, Einheit und Logik“ unerhört neu. Seine humanistischen und urbanistischen Ideen klingen, historisch gesehen, wie Zukunftsvisionen der modernsten Erkenntnisse unserer Tage.

Er ging dabei von zwei Voraussetzungen aus. Einmal, daß die ständig wachsende industrielle Produktion über ihre rein ökonomischen Aspekte hinaus ihre eigenen menschlichen und ästhetischen Gesetze brauche. Zum anderen, daß man der Vermassung und geistigen Verödung durch die Technik Arbeitsbedingungen entgegenstellen muß, die dem einzelnen die volle Entwicklung seiner Fähigkeiten erlauben. Mit diesen Voraussetzungen war das Erbe, das Adriano Olivetti von seinem Vater Camillo übernommen hatte, mehr als eine aufblühende Fabrik – es war der Glaube an den Menschen und an den Fortschritt.